Den Mitgliedern des Vereines
zur Förderung des Fremdenverkehres gewidmet.

Eh. Ludwig Salvator

In dem Masze wie die Civilisation unter den Menschen zunimmt, entsteht bei denselben das Bedürfnis und das Bestreben zur Natur zurückzukehren. Der Körper braucht Bewegung und physische Anstrengung. Schon im alten Hellas haben wir ein leuchtendes Beispiel, wie man physische Leistung mit der geistigen zu paren trachtete. Ein ähnliches Bestreben macht sich auch heutzutage geltend und von allen menschlichen Trieben bleibt der angeborenste und natürlichste der Wandertrieb, der beiden Richtungen dient. Selbst in den kleinlichsten Verhältnissen, selbst auf die unbedeutendsten Entfernungen beobachtet man heutzutage ein Stelleverändern der wogenden Massen, wie es in früheren Zeiten gar nicht geahnt wurde. Einerseits die Zunahme der Bildung und mithin auch der Wissbegierde, andrerseits die Erleichterung der Verkehrsmittel und die Billigkeit derselben haben dies gefördert. Die Mehrzahl aber beschränkt sich nicht auf eine Veränderung des Platzes bei gleichen oder ähnlichen Verhältnissen, sondern will hinaus, um Neues zu sehen und in andere unbekannte Verhältnisse zu geraten. Infolgedessen ist die Zunahme des Reisepublikums alljährlich eine gröszere. Bei vielen ist die Vermehrung ihrer Kenntnisse der Beweggrund, bei anderen die Sucht nach einem mehr zusagenden Klima, sei es, um der Hitze des Sommers zu entgehen, sei es, um vor dem langen rauhen nordischen Winter zu fliehen. Auf diese Weise entstehen vier Hauptströmungen des europäischen Reisepublikums im Jahre: die Frühjahrs und die Herbstreisenden, welche sich mit der Besichtigung der zu besuchenden Länder beschäftigen, drittens und viertens die einen Sommer oder Winteraufenthalt Suchenden. Die grosze Zunahme der Bequemlichkeit, das Entstehen zahlloser Gasthäuser gestattet auch den für den Sommer oder Winter sich aus ihrer Heimat entfernenden Gästen eine gröszere Bewegung, als dies früher der Fall war. Fast um denselben Preis und fast mit gleicher Bequemlichkeit kann man allwöchentlich den Aufenthalt wechseln und neue Landschaften betrachten, neue Ausflüge unternehmen. Dieses Publikum nimmt von Tag zu Tag mehr zu, ohne dabei den Wirten einen wahren Schaden zu verursachen, denn die Abfahrenden werden durch Neuankommende ersetzt. Empfindlich dagegen wird diese Sitte für diejenigen Besitzer, welche Landhäuser zum Vermieten haben und sich häufig begnügen müssen, sie nur auf wenige Monate besetzt zu wissen.

Es gibt aber andererseits ein gewisses, wenn auch beschränktes Publikum, welches sich in einem angenehmen, für seine Gesundheit zuträglichen Land ein eigenes Heim zu gründen beabsichtigt. Es sind zumeist Leute, welche infolge ihrer Geschäfte lange Zeit in wärmeren Gegenden zubrachten und dem rauhen Winter ihrer Heimat nicht mehr zu widerstehen vermögen, oder solche, die ein gewisses Alter erreicht haben, denen das ewige Nord und Südwärtsziehen lästig geworden ist oder deren Mittel es schwerlich zulassen und endlich solche, bei denen der Wunsch eines ruhigen, stillen Aufenthaltes vorwiegt; auf diese Weise sind jenseits des Oceans eine Menge der Bewohner der Nordstaaten der Union zu den westlichen hinübergewandert, von der Milde des Klimas und der Schönheit der Landschaft angelockt oder sind aus den im Sommer heiszen australischen Kolonien nach dem kühleren Tasmanien gezogen. In Europa sind es vorzüglich die Mittelmeerufer, welche die Entwicklung förmlicher Fremdenkolonien begünstigten. Namentlich war dies in Italien der Fall, wo die Milde des Klimas mit der Billigkeit des Unterhaltes und der Schönheit der Gegend sich verbanden, wie an keinem der anderen Mittelmeerländer. Eine ganze Menge bescheidener kleiner Häuschen und prunkhafter Paläste sind zur Wohnung von Fremden geworden, die entweder das ganze Jahr dort zubringen, oder wenigstens mit der Regelmäszigkeit der Wandervögel dahin zurückkehren. Bei den ersteren tritt in erster Reihe die Frage auf, eine  Platz ausfindig zu machen, der nicht blosz für den Winter am geeignetsten wäre, sondern auch für den Sommer einen angenehmen Aufenthalt gewähren würde. Persönlicher Geschmack und Neigung mögen bei einer solchen Wahl am maszgebendsten sein. Es gibt aber auch Gegenden, welche sich a priori zu ähnlichen Zwecken mehr eignen, wie andere, namentlich weil der Unterschied der extremen Sommer und Wintertemperatur kein bedeutender ist. Gegenden nämlich, die ein gleichmäsziges, keine übertriebene Wärme und Kälte aufweisendes Klima besitzen.

         Diese Eigenschaften haben vor Allem Inseln. Das insulare Klima ist immer milder und gleichmäsziger, wie jenes der benachbarten Festlandsküste und in dem Masze, wie die Inseln von dem Festlande entfernter liegen ist dies in höherem Grade der Fall und ebenso in dem Masze, wie sie kleiner sind.
         Gröszere Inseln bilden schon eine Atmosfäre für sich und sind mehr oder minder durch die eigenen orographischen Verhältnisse beeinflusst. Andrerseits bleiben Inseln bis zu einem gewissen Grade von dem Hauptverkehre abgeschnitten, wenn sie nicht als Haltestellen für denselben dienen, wie es bis vor wenigen Jahren mit Korfu der Fall war und wie es sich noch heutigentages mit Malta verhält. Infolgedessen hat tatsächlich die gröszte Menge fremder Ansiedlungennicht auf Inseln sondern auf dem Festlande uzw. an jenen Stellen stattgefunden, wo der Verkehr am leichtesten war. In dieser Hinsicht geben uns die Riviera im weitesten Sinne des Wortes von Spezzia bis Toulon und das egyptische Uferland  die glänzendsten Beispiele. Für viele ist aber dieses Stelldichein der europäischen eleganten Welt zu lärmend, zu lebhaft geworden, man sehnt sich nach Ruhe, nach Abgeschlossenheit; auch das Bedürfnis, etwas Neues zu sehen, läszt diese auf eine allgemeine Schablone eingerichteten, wenn auch noch so paradiesischen Länder meiden. Man will nicht mehr alles so abgeglättet, so gepflegt, so sorgfältig angelegte und erhaltene sehen; man sehnt sich nach Bildern wenig betretener Natur und so entstehen alljährlich neue Ansiedlungen neue Plätze, an die man vor wenigen Jahren noch gar nicht gedacht hätte. Solche Menschen leben in dem Wahne, dasz sie etwas besseres, etwas ihrer Natur entsprechenderes finden werden, wenn sie unbetretene Pfade einschlagen. Manchmal entsteht so ein einsames Haus auf vorspringendem Felsen in malerischer Lage oder eine stille Hütte an geschützter Stelle, um welche bald ein Gärtchen aufgrünt. Es sind das die bescheidenen Vorposten; Jahr auf Jahr reiht sich dann ein Haus dem anderen an, die Vorteile werden gepriesen, zum Gegenstande der Reklame gemacht, Gründe werden von Gesellschaften angekauft, dort, wo früher nur ein einfaches Wirtshaus war, erheben sich palastähnliche Hotels, öffentliche Anlagen werden geschaffen, Straszen gebaut, ein neuer Modeplatz ist entstanden, mit der Leichtigkeit, mit welcher sich Pilze vermehren.

Die meisten Inseln des Mittelmeeres haben mit zwei Feinden zu kämpfen, der Malaria und den Erdbeben. Gegen erstere ist die Wahl hochgelegener Plätze das einzige Schutzmittel, denn mit wenigen Ausnahmen sind fast alle am Meeresufer gelegenen Plätze derselben ausgesetzt. Gegen Erdbeben liefern Holzbauten oder überhaupt antisismisch aufgeführte Gebäude einen Schutz, die aber andrerseits in trockener, der Sonne sehr ausgesetzter Gegend, abgesehen von dem Zerspringen des Holzes eine grosze Vermehrung der Feuersgefahr darbieten. Sicher sind es aber zwei bleibende Nachteile, namentlich der erstere, denn auch bei bedeutender Höhe schwinden nicht immer gänzlich die Nachteile der umgebenden Luft. Dies tritt namentlich auf Cypern in auffallender Weise auf, wo selbst die bedeutendsten Anhöhen der Insel nicht als malariafrei bezeichnet werden können. In diesen beiden Hinsichten besonders begünstigt zeigt sich die gröszere der Balearen. Wenn wir die Niederungen in der Nähe der Südküste und der Doppelbucht von Alcudia Pollenza ausnehmen, kann dieselbe fast selbst in der Ebene als malariafrei bezeichnet werden. Erdbeben sind auch äuszerst selten und haben schon seit der Zeit der Eroberung, also mithin seit über 600 Jahren nie einen erheblichen Schaden verursacht; sie haben sich höchstens beschränkt auf unbedeutende Risse an einigen der höheren Bauten, wie beispielsweise an der Domkirche in Palma zu verursachen. Die bedeutende Tiefe des Meeres, welche namentlich  im Norden der Insel zwischen dieser und der katalanischen Küste vorhanden ist, mag wesentlich zur Vermeidung schlechter Ausdünstungen an seinen Ufern beitragen; der totale Mangel an flieszenden Gewässern, wodurch eine Mischung derselben mit dem Meerwasser entstehen würde, mag auch ein nicht zu vernachläszigender Grund der reinen Luft sein. In anderer Hinsicht ist die von jeder benachbarten Küste entferntere Lage sicher ein Vorteil für die Erhaltung eines gleichmäszigeren, von den benachbarten Festlandsküsten weniger beeinfluszten Klimas. Es ist bekannt, dass die Isothermen Europas sehr bedeutend gegen Westen zu steigen und fast in diagonaler Richtung die Breitengrade durchschneiden. Dadurch ist die auf Mallorca herrschende Temperatur eine durchschnittlich mildere, als diejenige, welche ihrer geographischen Lage entsprechen würde. Auch liegen die gröszeren mit Schnee bedeckten Gebirgszüge der Nachbarschaft, die Pirenäen im Nordwesten und das Atlasgebirge im Süden schon in ziemlich bedeutender Entfernung etwa 150 Meilen von einem jeden, wodurch die Luft, schon durch das Meer gemildert, die Ufer der Insel erreicht.

         Wenn es sich darum handelt, die zu einer Wohnung geeignetere Lage in einem Lande aufzufinden, musz eine Reihe von Umständen berücksichtigt werden, die nur eine genaue Prüfung örtlicher Verhältnisse und ein langer Aufenthalt im Lande klar machen werden. Abgesehen von der Schönheit der Lage tritt als erster Faktor die Gesundheit derselben und deren Annehmlichkeit nicht blosz in einer einzigen Jahreszeit, sondern im Mittel das ganze Jahr hindurch auf. So gibt es Plätze, welche sich ganz vorzüglich zum Sommeraufenthalt eignen, im Winter aber unangenehm werden und umgekehrt. In zweiter Reihe ist die leichte Erreichbarkeit, die Möglichkeit mit geringen Unkosten sich für die täglichen Bedürfnisse versorgen zu können und in dritter, aber nicht letzter eine Gegend zu wählen, wo die Materialien zur Konstruktion bei der Hand wären, um die Herstellungskosten tunlichst zu verringern. Die vorherrschenden Winde und der von den benachbarten Bergen geworfene Schatten spielen eine sehr wichtige Rolle bei Häuser und Gartenanlagen, und mit Berücksichtigung günstiger beiderseitiger Verhältnisse wird man eine möglichst günstige Lage ausfindig machen.

         Ein mächtiger Faktor ist das Vorhandensein von Quellenwasser, ohne welches jede Hausanlage immer sehr mangelhaft ausfällt, und eine Gartenanlage in etwas gröszerem Maszstabe kaum möglich ist, denn wenn man sich auch mit gröszeren Cisternen teilweise aushelfen kann, so werden dieselben, wenn man allein auf den Regen angewiesen ist, bald erschöpft. Auch gewähren dieselben, wenn sie nicht auf eine besonders sorgfältige Art gebaut wurden, die ewige Gefahr von Rissen, welche dann möglicherweise schädlichen Durchsickerungen den Weg gestatten. Noch vielleicht am zweckmäszigsten erscheinen in solchen Fällen eiserne Cisternen, welche im Boden versenkt werden oder noch besser in unterirdischen, aber zugänglichen Räumen angebracht, so dasz man jedes kleine Leck derselben gleich gewahren kann. Hält man sich dagegen den Vorteil flieszenden Wassers, namentlich ergiebiger Quellen, womit man jeden Wasserbedarf verschwenderisch decken kann, wird einem die Wahl nicht schwer fallen und sich für eine Behausung nach Tunlichkeit auf solche Plätze beschränken, wo man diese Vorteile genieszt.

         Seit einer Reihe von Jahren mit Mallorca bekannt, habe ich all seine Höhen, seine Täler, seine Ebenen, jede Einbuchtung seiner Küsten zum behufe einer Schilderung des Landes besichtigt. Ich habe dadurch Gelegenheit gehabt, nicht blosz die einzelnen Plätze mit einander zu vergleichen, sondern dieselben auch in den verschiedenen Jahreszeiten zu beobachten, günstigere und ungünstigere Jahre mit einander vergleichen können und die Nachteile gewisser Windrichtungen und anderer klimatischer Verhältnisse zu gunsten oder zu ungunsten des einen oder anderen Platzes reiflich überlegen können, ohne dabei von irgend einer persönlichen Meinung oder Interesse beeinfluszt zu sein. Das Resultat dieser Beobachtungen ist vielleicht das, was mancher wissen möchte. Wie bekannt, pflegt bei den gröszeren Mittelmeerinseln immer die Nordseite die mildere zu sein und zugleich auch die gesündere. Dieses Verhältnis bewahrheitet sich auch für Mallorca. Es bleibt dann mithin nur die Wahl zu treffen, auf der langen Küstenstrecke, die sich von Kap Formentor im Nordosten, bis zur Dragonera im Südwesten hinzieht. Der östliche Teil, am Fusze der zwei Hauptanhöhen der Insel des Puig Mayor von Soller und des Puig Mayor von Lluch steigt mit wilden felsigen Abhängen fast bis zum Meere. Dort liegen die kühnen Höhen des Castell del Rey mit den beiden kleinen Einbuchtungen von Calobra und Tuent, welche von den jähen, das Meer überhängenden Abstürzen der Vaca von einander getrennt werden. Nur der Torrent de Pareys, der vom Tale von Lluch herabsteigt, bildet in dieser fast ununterbrochenen  Wandreihe einen tiefen Einschnitt. Diese wilde Strecke, welche so sehr den Maler überrascht, wo auf den Höhen Ziegenherden das magere zwischen den Felsen aufgewachsene Gras weiden und deren Spitzen beutegierige Geier umflattern, eignet sich wohl kaum für menschliche Ansiedlungen. Wenn die Fischer an ruhigen Tagen mit Schaudern an diesen schutzlosen Abstürzen vorüberziehen, rudern sie ohne auszuruhen von Tuent bis zur Cala von San Vicente, wo sie im Notfalle ihre Barken wieder ans Land ziehen können, froh, wenn sie aus den westlicheren Teilen der Nordküste die breiten Buchten von Pollensa und Alcudia erreichen können um sich daselbst dann den ganzen Sommer hindurch dem so ausgiebigen und so erträgnisreichen Fange der Langusten widmen zu können.

         Hinter Tuent ändert sich die Szenerie auf einmal. Die Hauptanhöhenn scheinen sich vom Meeresufer zurückzuziehen und hier bleibt nur der schmale Absturzrand der Costera, wo die grosze gleichnamige Quelle liegt, die zur elektrischen Kraftanlage Verwendung gefunden hat, um in der Punta de la Creu abzuschlieszen. Hier öffent sich als unerwartete Überraschung der Hafen von Soller und nach einer kleinen Talverengung das grosze gleichnamige Tal am Fusze des 5.000 Fusz hohen Puig Mayor, von der Sierra de Aufabia und dem Teixmassiv umrahmt. Gänzlich der Kultur gewidmet, von zahlreichen Quellen berieselt und mit Hilfe derselben fast überall bewässert, eignet sich dieses nur wenige Meter über dem Meere erhöhte, wenn auch noch so anmutige Tal, infolge seiner gröszeren Feuchtigkeit weniger zum bleibenden Aufenthalte. Die andere Seite, also die westliche des Hafens von Soller, wird von dem groszen Vorsprunge des Kap Gros von Soller gebildet. Dieses, von den ziemlich hohen Rücken von Muleta überragt, bildet dem darauffolgenden Uferlande, das sich von der Einbuchtung der Dolsos Cala de Deyá hinzieht, einen mächtigen Schutz gegen die häufig zur Winterszeit herrschenden Nordostwinde, welche da gewöhnlich von regnerischem Wetter begleitet, die kältesten zu sein pflegen, wenn auch manchmal bei dem klaren Mistral ausnahmsweise niedrigere Temperaturen vorkommen, die aber, da von Sonnenschein begleitet, leichter erträglich sind. Dieses ganze Uferland, dessen Zentrum Luchalcari oder Es Carré bildet, weist eine sanfte Neige auf, sanfter wie alle nördlichen Uferländer der Insel und es ist sicher dabei auch wegen der, eine mächtige Wand mit hohen Felsenpfeilern dahinter bildenden Montaña de Can Prom  und den wilden groszartigen Felsen am Meeresufer eines der landschaftlich  schönsten. Eine gutgeführte breite Regierungsfahrstrasze, welche von Deyá zum Hafen von Soller geht, durchzieht in halber Höhe dasselbe und führt  so ziemlich eben von Deyá bis zu dem Sattel von Can Bleda, welcher dieses Uferland vom Tale von Soller trennt. Mehrere Quellen berieseln diese Strecke und auszerdem könnten verschiedene derjenigen, welche vom Gebirge zum Tale von Deyá, dem im Verhältnis zu seiner Ausdehnung wasserreichsten der Insel, hinabflieszen, mit Leichtigkeit zum Teile dahingeleitet werden. Die Nachbarschaft des Meeres, die geschützte Lage desselben, welches auf der anderen westlichen Seite durch den Vorsprung der Torre de Deyá und der darauffolgenden Halbinsel der Foradada begrenzt wird, machen dieses Uferland besonders anmutig. Lediglich der Nord und Nordwestwind wälzt seine mächtigen Wogen gegen die sonst geschützte Küstenstrecke.

Die beiden Endpunkte dieses Uferlandes gewähren leichte Anlegeplätze, ja auch die Möglichkeit, im Schutze der Felsen Boote ans Land zu ziehen. Herrschen östliche Winde da, wird es in den Dolsos spiegelglatt sein, herrschen dagegen westliche, wird die Landung in der Cala de Deyá ohne Schwierigkeit stattfinden können. Dieser Umstand erleichtert ganz besonders Bootfahrten, die man aus diesen Ufern unternehmen wollte, und man wird sich mit Leichtigkeit auch dem Fischfange widmen können.  Auch weisen mehrere Stellen des Ufers einen kleinschottrigen Strand auf, wo man bequem baden kann. Es war bereits einmal die Rede, dort eine gröszeren Badeanstalt zu errichten. Die kleine Ortschaft von Deyá ist schon genügend entfernt, um die Ruhe und die stille Abgeschloszenheit dieses Uferlandes nicht zu stören oder demselben schlechte Ausdünstungen zu geben. Andrerseits ist die wohlhabende, mit allen zum täglichen Unterhalte notwendigen Mitteln reichlich versorgte Ortschaft von Soller in genügender Nähe, um von dort in etwa ½ Stunde alles mit Leichtigkeit kommen lassen zu können. Übrigens wird dieselbe mittels eines, die Gebirgskette durchbohrenden Tunnels, an dem fleiszig gearbeitet wird,  binnen weniger Monate mit der Hauptstadt in rascher Bahnverbindung stehen. Der Boden dieses Uferlandes besteht aus einer Reihe von alten Abrutschungen, welche kunterbunt grosze Felsblöcke und zu grobem Sand abgebrochene Steindetritus aufweisen, und primitive Gipsschichten überlagern. Man hat mithin alle zum Bau nötigen Materialien gleich bei der Hand und noch dazu einen Boden, der jede Feuchtigkeit leicht durchsickern läszt und doch genügende Stabilität zur Errichtung was immer für Baulichkeiten besitzt, da alle diese lockeren Materialien durch feste Bindemittel verbunden sind, welche nur die Spitzhacke brechen kann. In den Verflachungen gibt es andrerseits gute fruchtbare Erde, welche eine genügende Düngung in die schönste Gartenerde umwandeln kann. Die bekannte Geschicklichkeit der Bewohner, im Bau trockener Wände zur Erhaltung des Grund und Bodens und auch eine grosze Zahl im feinen Bearbeiten der Steine kundiger Maurer und Steinmetzen, erleichtert die Ausführung von was immer für Bauten und Gartenanlagen. Von der Cala de Deyá an bildet das Ufer wieder hohe steile Abhänge, von einem plateauartigen Vorsprung überragt, der etwa die halbe Höhe des sich dahinter hoch emportürmenden Gebirges einnimmt und so ziemlich die gleiche Höhe des Tales gegen Valldemosa zu hat. Lediglich am Fusze desselben bildet ein tiefes ziemlich breites Tal, jenes des Port de Valldemosa, einen ausgeprägten Einschnitt. Nach demselben senken sich wieder die Höhen mit steilen Abstürzen bis ans Meer, bis bei der Cova das Gebirge zurücktritt und erst am Fusze der Mola de Planicia mit der langen Spitze des Cavall von Bañalbufar das Meer erreicht. Diese ganze breite Ausbuchtung würde sich auch zu Ansiedlungen eignen, ist aber sehr den Nordostwinden ausgesetzt; der aus buntem Sandstein bestehende Boden ist mager. Auch ist diese Ausbuchtung nicht in so bequemer Entfernung wie von einer gröszeren Ortschaft gelegen, da Esporlas viel kleiner  und entfernter ist, wie Soller von dem Uferland von Lluchalcari. Die beiden westwärts von der Spitze des Cavall gelegenen Ortschaften von Bañalbufar und Estellenchs bieten nur beschränkte Strecken mit sanfter Lehne, welche von den beiden genannten Ortschaften eingenommen werden und mithin sich zur Anlage freistehender Landhäuser weniger eignen würden, wenn sich auch sehr schöne Lagen bei denselben befinden und jene des Torre del Verger bei Bañalbufar als vielleicht die schönste der ganzen Nordküste bezeichnet werden kann. Nach Estellenchs tritt wieder die hohe Punta de la Vangelica mit hohen Abstürzen bis zum Meere hervor und es gibt lediglich die einsame Trapa, die ein grünendes Stück bietet, bevor sich die Küste im Angesicht der Dragonera nach Westen dreht. Man sieht somit, dasz die Wahl unter den Landstrichen der Nordküste nicht schwerfällt und keine Strecke eine so ausgedehnte, sanfte Lehne unweit des Meeres darbietet, wie jene, die wir gleich anfangs als die bevorzugtere angaben, die sich von Cap gros von Soller bis zur Torre de Deyá hinzieht.

         Eine vielen vorschwebende Frage ist jene des Kostenpunktes der Anlage eines bescheidenenHeims. Dieser wird sicher den anderer Plätze des Mittelmeeres nicht übersteigen und wenn auch nicht so gering wie in Italien sein, doch im Allgemeinen eher dem Durchschnittspreis unterstehen. Der Grund und Boden ist nicht übertrieben teuer und die Handarbeit mäszig zu nennen. Die Lebensmittel werden eher billiger sein als an anderen benachbarten Küsten und im Allgemeinen von besserer Sorte. Fische und allerhand Schalen und Krustentiere in Menge, Obst der vorzüglichsten Sorten, Gemüse in reichlicher Menge in allen Jahreszeiten und auch das Fleisch wird, wenn man sich mit Wollvieh begnügt, nichts zu wünschen übrig lassen. Der billige Wein von guter Sorte, die zahlreichen Mandeln und trockenen Feigen sollen auch nicht unerwähnt bleiben. Die vielen Selchfleischsorten, sowie die zahlreichen ganz vorzüglichen Mehlspeisen und Bäckereien werden auch den schwieriger zufriedenzustellenden genügen.

         Eine zuletzt zu erwähnende, aber eigentlich erste günstige Bedingung ist die Ruhe des Landes und die Zuvorkommenheit der Bevölkerung, in deren Mitte jeder Fremde unbesorgt weilen kann, ein Vorteil, der sich nicht in vielen anderen der günstiger gelegenen Mittelmeerinseln vorfindet. Noch bis heutzutage hat sich die alte Sitte erhalten, viele Häuser am Lande gar nicht zuzusperren, in der Meinung, dasz ein Vorübergehender etwas aus denselben brauchen könnte.

         Nicht ein rascher Entschlusz, sondern eine reiflich überlegte Auswahl wird gewöhnlich den neuen Ansiedler zufrieden stellen. Mögen daher Fremde, welche die Absicht hätten, sich etwas bauen zu lassen, zuerst das Land gut ansehen, wo verschiedene genügend gute Gasthäuser einen Aufenthalt in gröszeren Plätzen gestatten, ohne vom Grand Hotel in Palma zu sprechen, das alle Bedingungen der besten modernen Gasthäuser in sich vereinigt. Vorzügliche Fahrstraszen erleichtern den Verkehr nach allen Richtungen hin, deswegen schaue man sich zuerst alles an und wähle nachher. Genügend wäre für den Verfasser dieser Zeilen, wenn die hier gegebenen Winke als nicht unrichtig anerkannt werden würden und wenn er dadurch Manchem zu Hilfe gekommen wäre, um sich ein angenehmes, ruhiges Heim zu gründen.

 

 

Was mancher wissen möchte