Aus Leo Woerls Biographie mit Originalzitaten aus Salvators Werk:

Klein und scheinbar unbedeutend, wurden Paxos und Antipaxos bisher nie selbständig geschildert, sondern bloss bei den vielen Reisebeschreibungen der schönen grossen Nachbarinsel Korfú nebensächlich behandelt, und doch sind es reizende Eilande voll grossartiger Naturschönheiten, die eine grössere Würdigung seitens der vielen, die übrigen jonischen Inseln besuchenden Fremden verdienen.

Der Erzherzog Ludwig Salvator bietet uns in seinem Buche, der Frucht seines dortigen Aufenthaltes in den Jahren 1884-85, ein anziehendes Bild jener Inseln.
Er macht uns im allgemeinen Teile seines Buches mit der Geschichte, dem Klima, den physikalischen Verhältnissen, der Bevölkerung, ihrer Beschäftigungsweise und Regierung vertraut, schildert uns dann im zweiten Teile mit der uns wohlbekannten, erprobten Künstlerfeder die landschaftlichen Reize der Insel, namentlich der Küste derselben. Zum Schluss führt uns der Verfasser aus der Bevölkerung einzelne charakteristische Figuren vor, welche unsere ganze Sympathie in Anspruch nehmen und so auch die im nachstehenden ausgedrückte Absicht des Erzherzogs erfüllen.

Auf ähnliche Weise, wie Landschaften einer Gegend markierte, charakteristische Silhouetten haben, mit denen in wenigen Strichen man gewissermassen die Physiognomie des ganzen Landes darstellen kann, so sind auch unter der Bevölkerung Figuren, welche den Charakter derselben bezeichnen und aus denen man auch gewissermassen auf die übrigen schliessen kann. Deswegen lasse ich solche am Schlusse des Buches folgen, mit deren Hilfe der Leser in seiner Einbildungskraft die geschilderten Landschaften mit richtigen Staffagen beleben kann.


Die Paxos-Inseln: Paxos und Antipaxos, liegen bloss durch einen 7 Meilen breiten Kanal von Korfú getrennt, dessen Richtung sie auch ziemlich verfolgen, d.h. von Nordwesten nach Südosten. Sie laufen der Festlandsküste, von der sie nur 10 bis 15 Meilen abstehen, so ziemlich parallel. Voneinander sind sie durch einen über eine Meile breiten Meeresstreifen getrennt und Antipaxos wird durch einen solchen engeren vom Dascalja-Fels geschieden. Beide Inseln sind hügelig und aus einer einzigen Kette gebildet, deren höchster Punkt so ziemlich in der Mitte von Paxos, der Agios Nisaphros, ist, welcher 247 m misst, und der Vigla auf Antipaxos, welcher bloss 109 m erreicht. Paxos hat die Gestalt eines langen Ovals mit 5 ½ Meilen Länge und fast 2 Meilen Breite. Antipaxos ist 2 Meilen lang und eine breit. Beide sind an der wilden Westküste mit hohen, jähen Abstürzen versehen, meistens weisslich, einige rötlich gefärbt; an der innern Ostküste weisen sie lehnige, bewachsene Ufer auf, welche von der Ferne schwärzlich aussehen.

Das Klima von den Paxos-Inseln ist jenem von Korfú ziemlich gleich, nur milder.
Die Bewohner von Paxos sind wegen ihrer Schönheit berühmt und die Frauen gelten als die schönsten der jonischen Inseln und unter den schönsten in Hellas. Die Paxinioten sind mittelgross, die Männer eher mager, die jungen Leute und die Frauen dagegen eher mit vollen Formen. Da durch die wiederholte Einwanderung aus anderen griechischen Gegenden, als die Insel bei verschiedenen Raubzügen der Türken entvölkert blieb, eine grosse Rassemischung entstand, ist gerade dies der Umstand, der die Schönheit der Paxinioten verursachte. Der Hauch Venedigs weht, wie über ganz Griechenland, auch über Paxos, und manche der leiblichsten Gesichter führen venetianische Namen. Die Lippe ist meist leicht aufgeworfen und der Raum zwischen Nase und Lippe in der Mitte stark vertieft, so wie wir es bei der Venus von Milos und beim Apollo von Belvedere vorfinden. Manche Profile von Nase und Stirn sind auffallend antik und man möchte glauben, antike Statuen in Fleisch verkörpert zu sehen. Leider findet man bei mehreren schlechte Zähne, mit vollem Gebiss giebt es nur wenige. Gar herzig sind die kleinen Kinder, namentlich wenn man ihnen abends begegnet, wenn sie nach Hause gehen und sie einem lächelnd sagen: ,Kala espera'.
Männer tragen zumeist nur den Schnurrbart, mehrere aber auch den Vollbart; sie haben keine Tracht, sondern die gewöhnliche europäische, zumeist tragen sie Tuchmützen. Bei den Frauen, die einfach geknotete Zöpfe tragen, hat sich ein gewisses Kostüm noch erhalten, vorzüglich, was das Kopftuch anbelangt, das sie in der Rundung oberhalb des Kopfes mit einer Nadel befestigen und an den Seiten oder bloss nach rückwärts hängen lassen; namentlich nach letzterer Art ist der Wurf desselben ungeheuer graziös. Diese Kopftücher pflegen meist gelblich, manche goldgelb zu sein. Sonst sind die Joppe und die Röcke von modernem Schnitt.

Für Musik haben die Paxinioten, wie alle Griechen, Vorliebe. Violine und Mandoline sind die beiden Hauptinstrumente, Letztere ähnlich der Busukki, Lauto und Prolauto, auch manche Guitarren, die man Taburà nennt. Alle diese Instrumente werden gewöhnlich gespielt und zwar namentlich die Violine gelegentlich der Tanzunterhaltungen, mit denen die hiesigen Bewohner grosse Festtage, Kirchenfeste, Vermählungen u.s.w. zu feiern pflegen. In Gay und zuweilen auch auf dem Lande bei reicheren Herren wird im Hause getanzt, die meisten Tanzunterhaltungen, an welchen hier als Mittänzer oder Zuschauer alle Bewohner der Nachbarschaft teilzunehmen pflegen, sind aber unter Gottes Himmelsdom.
Der Tanz wird, mit dem Sacktuche in der Hand, um die in der Mitte stehenden Violinspieler im Kreise gehalten. Man kann sich nichts Keuscheres denken, wie die sich den Arm gebenden Mädchen mit gesenktem Blick und eintönig singend, während die beiden Enden je ein Mann, ein Sacktuch dem letzten Mädchen gebend, bildet. Die Paxinioten tanzen verschiedenartig nach korfiotischer und bewegter albanesischer Art. Man nennt Kalamatioti den Tanz, wo die Frauen singen und die Männer schwingen; bewegter ist jener nach Paxos-Sitte, wo der Mann mehr nach Korfú-Art hüpft und springt. Mehrmals dreht sich der Mann und wechselt das Sacktuch hinter dem Rücken. Bei Rumejko hüpfen die Frauen mit, die Kadenz ist bewegter und lebhafter. Der Mann steht in der Mitte, während der andre am Schlusse des spiralförmigen Kreises hüpft und das Sacktuch hinter dem Rücken wechselt. Manche tanzen zarter, manche lebhafter in schnellerem Tempo, erstere werden mehr geschätzt."

Der Ackerbau bildet die Hauptbeschäftigung der Bewohner von Paxos, der sich wohl ausschliesslich auf die Kultur des Ölbaumes beschränkt. Der wichtigste Kulturbaum, ja besser gesagt, der einzige wichtige ist der Ölbaum, denn dieser Friedensbaum bekleidet fast gänzlich die friedliche Insel. Es sind nicht schüttere Pflanzungen, sondern ein förmlicher Wald, in dessen Schatten man, wie in einem grossen Park, auf den sorgfältig gepflegten Wegen umherwandeln kann. Die grosse Menge von Bäumen ist noch der alten Republik Venedig zu verdanken, welche für jeden Ölbaum, den man pflanzte, dem Eigentümer einen Thaler spendete, wohl bewusst, welche Steuereinnahme die so mit Ölbäumen dicht bekleideten Gründe dem Staate gewähren werden. Vor 20 Jahren produzierte man auch auf Paxos viel Wein, seit der Rebenkrankheit sind aber viele Weinberge aufgelassen worden und von den verödeten Terrassen haben wilde Sträucher Besitz ergriffen. Auf Antipaxos sind einige Strecken seiner Anhöhen von Weinbergen eingenommen, doch auch hier ist die Weinbereitung nur unbedeutend, man erzielt nur zirka 150-200 Barili Wein, zumeist schwarzen, jedoch auch weissen, der recht gut mundet. Ein wichtiger Erwerbszweig von Paxos ist der Fischfang, doch dienen die erbeuteten Fische bloss zur Ernährung der heimischen Bevölkerung, nach auswärts werden sie nicht versandt.

Nach der Olivenernte ist die bedeutendste der Paxosinsel jene der Steinbrüche, welche in ihrer Ausbeutung einen grossen Teil der Bevölkerung beschäftigen und diesen Eilanden einen Ruf verschafft haben. Namentlich sind es die Plakkas oder Steinplatten, deren Bereitung der dünnschichtige Kalkstein so sehr erleichtert, und die Marmara, Pfosten u.s.w. aus dem dichten, fast marmorartigen Kalkstein. Steinbrüche giebt es in Hülle und Fülle. Die bearbeiteten Steine bilden einen bedeutenden Handelsartikel nach auswärts, besonders nach Griechenland.

Auf Paxos giebt es keine eigentlichen Ortschaften, sondern Häusergruppen der verschiedenen Familien, sodass in jeder Häusergruppe alle einen Namen führen. So sind in Bogdanika alle Bogdanos, in Murikatika alle Muriki u.s.w. manche dieser Häusergruppen sind recht ansehnlich, andere dagegen so klein, aus ein paar Häusern, bisweilen aus einem einzigen Haus bestehend. Nur ausnahmsweise kommt es vor, dass einer von einer andern Familie in der fremden Häusergruppe wohnt, und dann wird das Haus als zu seiner Häusergruppe gehörig bezeichnet.


Gay oder Porto Gayo, nach dem heiligen Gayus, der mit Krispus angeblich dort starb, so benannt, ist die Hauptortschaft von Paxos, in welcher die Behörden residieren und welche den Haupthandel der Insel an sich zieht. Sie liegt an der Ostküste derselben, am flachen Ufer des gleichnamigen, durch die Insel San Nicoló gebildeten halbmondförmigen Hafens. Wiewohl sie nur aus wenigen Häusern besteht, ist der Anblick doch anmutig und sie sieht mit der ganzen, ausgedehnten Häuserreihe gegen den Hafen grösser aus, als sie eigentlich ist. Im Innern hat sie eine Hauptstrasse, welche so ziemlich dem Quai parallel verläuft und in der Mitte, da wo der Hauptweg, der von der Landseite kommt, in dieselbe ausmündet, den Namen Piazza führt. Die übrigen Gassen sind meist eng und schlecht oder auch gar nicht gepflastert. Die Häuser sind meist klein und einstöckig; sie sind alle schlicht und einfach, glatt angeworfen und zumeist weiss getüncht.

Da, wo der Weg nach dem Trafos von Agios Joannis sich links hinaufzieht, wird der Haupttorrent mit breitem Bette auf beiden Seiten von Ölbäumen beschattet, mit Mastix- und Myrtensträuchern darunter. Die Strasse führt eben zur Rechten desselben am Fusse des mit jungen Cypressen bekleideten Hügels von Agios Georgios. Links zieht sich eine Mulde mit sehr üppigen Ölbäumen gegen Agios Joannis zu, durch den Trafos Pyaluches. Der Weg dreht sich eben in breitem Bogen durch einen sehr üppigen Ölbaumwald mit gegen den schotterigen Trafos gebogenen Stämmen. Links erhebt sich ein Hügel, Moro genannt, mit aus mageren Myrten, Mastixsträuchern, Farnkräutern, wilden Ölbäumen und einigen Cypressen bestehendem Buschwerk überzogen, von dessen Höhe man hübsch die Umgebung übersieht, namentlich von der Koppe, neben der ein paar Häuser von Kurdatika liegen, welche eine treffliche Rundsicht der Umgebung gewährt. Man sieht das ganze üppige Ölbaumthal, welches sich am Fusse des Agios Georgios hinzieht bis zu Papandi, dessen Kirchturm emporragt, die nahen Lehnen hinter Agios Joannis, hinter uns jene von Kastanida mit der hochthronenden Mühle und zu unseren Füssen die lachenden Hänge gegen Lakka mit der Ölbaummulde von seltener Üppigkeit, ein Stück des stillen Hafens und im Hintergrunde die herrliche Festlandsküste und Korfú, so schön in den Linien, dass man verführt wäre, sie jedes Mal wieder zu zeichnen.

Die Küste von Paxos, die uns der Erzherzog ausführlich schildert, bietet reiche Naturschönheiten, grossartige Felsenpartien und eine Anzahl Höhlen und Grotten, die unsere Bewunderung erregen.

Nun tritt vor uns der prächtige, grossartige Trepitós, eine der Hauptschönheiten Paxos', mit tischartiger Basis, wie ein Riesenpiedestal im Meere. Man kann unterhalb desselben fahren aber nicht von dieser Seite, weil ein mächtiges Riff den Eingang halb zusperrt und die vorspringende, tischartige Basis das Wasser seicht macht, während von Westen um den riesigen Pfeiler herum Boote leicht unter denselben fahren und an dem von uns Neptuntisch genannten, breiten Felsenufer anlegen können. Die Wirkung ist überraschend, ja märchenhaft zu nennen. Man dünkt sich Pygmäen inmitten dieser Grossartigkeit. Man kann fürwahr sich nichts Schöneres denken, als diese, Meeresduft ausströmende Tafel unter dem riesigen, in der blauen Luft gespannten Bogen, ein wahrer Aufenthalt für Seegötter und Nereïden und unwillkürlich malt die Phantasie dort mythologische Erscheinungen. Es ist fast berauschend, dort zu sitzen und dem Meere zu lauschen, wie es mitten unter den Seetangen atmet und die Aushöhlungen die Wellen schlürfen und diese den zernagten Felsen zu liebkosen scheinen., fast als wäre das ein Ersatz für die vielen harten Schläge, mit denen in Sturmestagen das Meer vergeblich den Riesenfuss des Trepitós abzubrechen trachtet. Wasser tröpfelt von der riesigen Wölbung in grossen mächtigen Tropfen herab. Die Gesamtfärbung ist dunkelrötlich und weisslich, deren malerische Wirkung die Sonne sehr erhöht.

Dann folgt die Xera sto Petriti, ein schwammartiges Riff, vor welchem eine kleine Seehöhle liegt, mit tischartig vortretendem Plateau, dann die Vertiefung dem Ortholithon gegenüber, der mit dem blauen Meere, der prächtigen Riesenhöhle, Grava sto Petriti genannt, in die man mit einem Segelboot bequem einfahren kann, als Hintergrund dient. Sie gehört zu den schönsten der Insel. Die Hauptanziehung der selben bildet aber der wilde, von Seemöven bewohnte Ortholithon, gleichsam ein Riesenmeilenzeiger der Natur, aus dem Meere emporragend, eine der Hauptschönheiten von Paxos. Er wird von manchen kühnen Jungen von der äusseren Seite erstiegen, wo er vier grünende Abstufungen bildet, gelbe Blüten und Sträucher grünen und abends die Möven in verlornen Harfentönen gellen.

Nach dem Schotterufer hinter der Punta von Bojkatika kommt eine Seehöhle mit kleiner Mündung. Sie hängt durch eine kleine Öffnung mit der darauffolgenden zusammen, die eine grosse Bogenmündung aufweist, oberhalb welcher ein wilder starker Ölbaum gewachsen ist, mit einem Riff beim Eingang und riesiger, trichterartiger Öffnung oben gegen den Himmel zu. Zur Linken ist eine Öffnung, die sie in Zusammenhang mit der benachbarten, silberglitzernden und gedeckten Haupthöhle setzt, in welche das Meer durch die breite Hauptmündung eindringt. Sie gehört zu den schönsten Seehöhlen des Mittelmeeres und ist mit dem Trepitós und dem Ortholithon eins der drei grössten Wunder der Insel. Sei wird im Zusammenhange mit der andern Grava tu Achaiu genannt. Vom Schotterufer der ersten Höhle ist die Aussicht am schönsten, da man beide Mündungen sieht.

Wenn bei den Beschreibungen der Landschaften der Erzherzog seine Liebe zur Natur und die Erkenntnis ihrer Schönheiten bekundet, so beweist er auch sein sympathetisches Verständnis bei seinen Beobachtungen über Charaktere und Volkstypen. Es sind meisterhafte Porträts, die er uns von dem Einsiedler von Bojkatika, dem alten Seemann, Kaloger Marinero schlechtweg genannt, von dem Paxinioten-Jüngling Nikita, der Wäscherin Maria, der schönen Steinträgerin Tasia, dem alten Kapitän Georgios, dem Sior Checco, dem Fischer Kiki, dem Neffen des Abgeordneten Kanonas, der kleinen Erminia, den beiden auf der Höhe von Agios Karalambos einsam hausenden alten Schwestern, dem Papa Dimitris und den Kindern in dem Hause von Kristaki auf Antipaxos entwirft.

Die Gestalten gewinnen Leben, wir sehen sie vor uns und gewinnen Verständnis für die sympathische Feder, mit welcher der feinsinnige Menschenkenner, der erlauchte Dichter und Maler sie uns schildert. Die vom fürstlichen Verfasser ausgesprochene Hoffnung, und der Wunsch sind voll und ganz erfüllt: Auch wir kehren von unserm Besuche jener Eilande befriedigt heim und es gereut uns nicht, unter der erprobten Führung des Erzherzogs diesen Ausflug ins Jonische Meer gemacht zu haben.

 

Paxos und Antipaxos