Winterträumereien in meinem Garten
in Ramleh.

Druck und Verlag von Heinr. Mercy Sohn, Prag 1914.

Ein jeder hat den Wind in den Baumkronen rauschen gehört, aber nicht jeder ihren Stimmen gelauscht, die je nach der Baumart so verschieden klingen; nicht jeder ihren Liedern das Ohr dargeboten, die bald so süß, wie einanderfolgende Küsse klingen, bald Tränen gleichen. Man muß mit Mühe ihrem Laubgepolter zuhorchen und es zu entziffern trachten. Und so reden sie auch verschieden, je nach der Stärke des Windes und nach dem Alter des Baumes; sie differieren so von einander wie das Lächeln eines Kindes von dem Jammern eines alten Mannes. Namentlich sind die Mittagsstunden, in welchen die Brise rauschend durch ihr Geäste zieht, die geeignetsten, um ihren Stimmen zuzuhorchen.

Von allen Bäumen steht, was das Rauschen der Brise betrifft, die Dattelpalme obenan. Bei derselben wallt alles. Es wiegt sich der Stamm, es wiegen sich die Wedel, es wiegen sich die Blätter. Es ist in dem Geräusch derselben etwas sprudelnd frisches. Es ist nicht bloß ein Rauschen, es ist, als würde sie einen Teil der Sonne, die sie bescheint, in Reflexe wiedergeben, wie im Dunkeln ausgestreuten Goldstaub. Der Wind kommt manchmal glühend heiß von der Sonne erwärmt und doch ist die Palme imstande, die Hitze eines Chamsintages abzukühlen und einem Kraft und Mut zu verleihen. Wenn ausgedehnte Palmenwälder vorhanden sind, mischt sich das Rauschen einer jeden Krone zu großartigen Gesamtakkorden, ungefähr wie viele gleichzeitig arbeitende Orgeln. Steht der Baum allein, so flüstert er aber die süßesten Melodien, gewissermaßen als Ausguß der eigenen Seele. Die Wedel der Kokospalmen rauschen bei der Brise breiter, offener, wie die breite Woge des stillen Ozeans, die sich auf die Korallenriffe wälzt. Sie spielen sich auf dem glatten Stamm des Baumes und scheinen ihn mit ihrem Schatten zu kämmen.

Wie ein indischer Panker nimmt das riesige, fächerartige Blatt der Latanien, die streifende Brise auf, scheint sie einen Moment zurückzuhalten, um sie dann mit verdoppelter Kraft zurückzuwerfen. Ein Heben, ein Sichsenken des Blattes, das kontinuierlich auffängt und zurückwirft.

Die Zwergpalme hat eine eigentümliche Melodie. Bei den alten Bäumen, welche gewöhnlich die hohen Abstürze von Vorgebirgen überhängen, verbleibt nur ein Büschel von fächerartigen Blättern, zwischen welchen der Wind zieht und einen ähnlichen Klang hervorbringt wie der, den die Wanten eines Schiffes an windigen Tagen gewähren, begleitet vom Tosen des Meeres gegen die Felsenwand an ihrem Fuße. Es liegt etwas elementarisches darin, dem man stundenlang zuhorchen kann. Es ist eine wilde Melodie, welche zur wilden Landschaft paßt, vom Gellen der Möven begleitet.

Das Geräusch der Orangenbäume, namentlich wenn ihre Krone dicht bewachsen ist, ähnelt am meisten dem Summen der Bienen, die nebenbei bemerkt, stets die unfehlbaren Begleiter der Orangenbäume sind, wenn dieselben Blüten tragen, gewöhnlich durch die Frische der bei diesen Bäumen rieselnden Quellen angezogen. Und so mischt sich mit dem Summen der Bienen das Summen der Bäume, von betäubendem Wohlgeruch begleitet, das stoßweise bald schwächer, bald stärker wird.

Klassisch über alle Maßen ist das Rauschen der Brise in den Kronen der Ölbäume, die sich übereinander wälzen und abwechselnd ihre dunkle Oberseite oder die helle, siIberglitzernde Unterseite zeigen. Auch das dünne Geäste singt klassische Lieder mit, ähnlich den Klängen einer Äolsharfe. Natürlich wechseln je nach der Stärke des Windes die Akkorde: manchmal fast weinerlich, wenn sich das Übereinanderreiben größerer Äste untermischt.

Bei den Terebinthen (Pistacia Terebinthus), biegen sich die Äste übereinander gegen die Krone zu und bilden eine Art von riesigem Korbgeflechte, welches zischt und ächzt, während die dünneren Äste sich wie Federn darüber wiegen.

Harfenähnlich tönt die Brise in den Lorbeerbäumen, vom betäubenden Duft der Blüten derselben begleitet. Sie klingt zuweilen wie Flötenharmonie zwischen den steilen Ästen und den spitzigen Blättern und man begreift, warum man dieses Blatt zum Krönen. Der Dichter erwählte, namentlich, wenn, durch die glänzenden schwarzen Beeren geziert, die Corona baccata darüber entsteht.

Der Johannisbrotbaum mit seinen derben, lederartigen am Stamm und an den Ästen eng anliegenden Blättern, hat etwas Lärmendes im Rauschen, einen fast metallenen Klang, namentlich auf jenen Höhen, wo die Brise stark durch seine Krone zieht.

Besonders sanft rauscht die Brise in den duftigen Kronen der Tamarisken. Sie scheinen derselben kaum ein Hindernis darzubieten, sondern bloß von ihr liebkost zu werden. Wie vieles hätten manche dieser alten Umsäumer der Wüste zu erzählen, wie häufig haben sie dem Reiter, der sich unter ihrem Schatten aufhält, in seinen Kinderjahren ihre heilsame Rinde geliefert und so werden sie von Generation auf Generation geschont und geliebt. Aber auch den Saum der Sümpfe haben sie gerne und ihre Äste dienen häufig den Reihern und den Cormoranen als Warte, um auf ihre Beute zu spähen.

Eine gewisse Ähnlichkeit damit bieten die Casuarinen, nur sind sie nicht so weich. Sie haben etwas von der Starrheit der Kiefern, namentlich solange sie jüngere Bäume sind. Ihre SamenbündeI, in ihrer Heimat das Lieblingsfutter verschiedener Sitticharten, wirbeln fast um sich selbst und trennen sich mit ihrer braunen Farbe vom Dunkelgrün des Baumes.

Die Nilakazie, der Sager, wie man ihn in Ägypten nennt, ist in den oberen Nilregionen außer der Palme der einzige Baum; was schlechtweg Sager bedeutet, rauscht nicht. Das Blatt ist klein, so beweglich, so empfindlich für die kleinste Luftbewegung, daß man sagen kann, daß es nur ein wiederholtes Zittern, das man mehr sieht als hört, hervorbringt. Nur dann und wann erzeugen die langen, breiten, dünnen Hülsen ihrer Samen, welche auf die Äste anstoßen, einen Klang ähnlich dem einer baskischen Trommel.

Die stattliche, schattenreiche Albizzia Lebbek von Bohn, aus den Höhen von Ceylon stammend, namentlich aus den Abhängen des Adams Peak, wurde unter Ismael Pascha nach Ägypten eingeführt, wo sie sich prächtig einbürgerte. Er bepflanzte damit die herrliche, breite Allee nach Schubra und viele der Alleen in Ghezirah. Infolge des reichen Schattens und des raschen Wachstums ist sie ein Baum, der fast in keinem Garten fehlt.

Das dunkelgrüne Blätterwerk ist wie geschaffen, um von der Brise gefächert zu werden. Die großen, fast pergamentartigen Samenhülsen schlagen mit einem dürren Klang aneinander, der ganz eigentümlich wirkt inmitten des weichen, wonniglichen Rausehens des Blattwerkes.

Der Sykomore, dessen gegen die Wurzeln knotiger Stamm himmelwärts lange, starre Äste aussendet, die nur spärliches Blattwerk aufweisen, scheint Sonne und Wind zu trotzen. Auch wenn der Wind heult, scheint der Baum sicher zu bleiben.

Das Rauschen der Platanen erinnert an Volksgetümmel und Volksgeschrei und immer näher scheint es zu rücken in den verschiedensten Akkorden.
Vor allen obenan steht die Symphonie der Bambusstauden; bald lispeln sie wie Liebesworte, scheinen wie verlängertes, nie endigendes Kosen zu klingen, bald ächzen sie, vor Angst klagend, jammern in Tränen bis zum Geschrei der Verzweiflung, namentlich während der Nachtzeit als vorherrschendes Geräusch im Sturme. Keine Pflanze, wir wollen sagen kein Baum, denn die riesigen Dendrocalamusarten verdienen schon diesen Namen, bietet eine so große Verschiedenheit.

Die großen Nadelwaldungen senden die harmonischesten Akkorde. Die italienische Pinie mit ihrem Parasol scheint mehr eine Verstärkung, wie eine Modifizierung des Klanges der Brise zu verursachen. Sie scheint derselben als Diapason zu dienen. Am angenehmsten ist die Strandföhre, namentlich in den heißen Mittagsstunden, wenn sie ihren Harzduft aussendet, den die Brise wegführt über die benachbarten Höhen und Ufer. Sie scheint durch Klang und Duft fast ein schläfernd zu wirken und doch ist das Einatmen des Duftes derselben so belebend, daß man sie die größte Freundin des Strandbewohners nennen kann. Ihr Schatten ist auch so angenehm, nicht zu dicht, nicht zu dünn, geradeso, um trotz desselben auch die Sonne genießen zu können.

Das Rauschen in dem mächtigen Geäste der Eiche hat etwas Kriegerisches; man wähnt das Schlagen ferner Trommeln zugleich mit dem Klange metallener Blasinstrumente zu hören, welches bald mehr, bald minder gewaltig auftritt.

Viel sanfter, gewöhnlich nur bei der Abendbrise vorkommend, ist das Rauschen der Linde und klingt dann fast wie ein Abendgebet.

Mit bachantischer Plumpheit rauscht die Rebe in den Rebendächern, es ist wie ein Springen in Sätzen der Traubenblätter auf die sie stützenden Unterlagen.

Am heitersten, wie ein Kindertanz, ist das Rauschen der Pappeln. Es hat etwas so recht Sommerliches, gleicht fast einem Schmetterlingsflattern. Die langgestielten und leicht beweglichen Blätter schwanken so leicht in der Brise, daß es scheint, als wären sie dazu geschaffen, um in ewiger Bewegung zu sein. Dazu die Frische, die sie aussenden, gewöhnlich durch die Nachbarschaft des Wassers, das bei ihnen zu fließen pflegt, noch erhöht. Selbst das Grün des Blattes hat im Vergleich mit andern Laubbäumen eine Frische, wie wenn es gerade ausgeschlagen hätte, die kein anderer Baum aufweist und schon von Weitem leicht sichtbare Massive hervorbringt.

Wie die verschiedenen Baumgruppen verschiedene Melodien hervorbringen, je nachdem, ob die Brise zuerst die eine oder die andere Seite derselben berührt, so ist auch der Akkord verschieden, wenn sie über vereinzelte Bäume oder über ganze Baumkomplexe wirkt.

Außer ihrer eigenen Musik haben die Bäume auch noch wahre Konzerte der Orchester, die sie einladen und beschatten. Ich meine nämlich die zahlreiche Vogelwelt, die sich auf denselben niederläßt. Namentlich jene Bäume, welche auf leicht anschwellendem Boden isoliert stehen, haben für die Vögel eine besondere Anziehung. Sie gleichen einem großen, luftigen Saale, wo sie sich begegnen und im Gesange miteinander wetteifern. Da konzentriert sich ihre Stimme in eine, was nicht der Fall wäre, wenn sie auf verschiedenen Bäumen zerstreut wären.

Auch geben uns die Bäume Konzerte durch die sie bewohnenden Vögel, sei es durch solche, denen sie als momentane Herberge, sei es durch solche, denen sie zum bleibenden Aufenthalt dienen und auch dies verändert sich, je nach dem sich die Vögel entweder vereinzelt oder paarweise, oder in ganzen Scharen dort aufhalten.
So beispielsweise, wenn sich kurz vor Sonnenuntergang eine Schar Sperlinge mit lärmendem Gezwitscher vereinigt, um dann die Nacht gesellschaftlich zuzubringen. Ähnlich verhält es sich mit den Staren, welche Beute suchend, einen ersprießlichen Platz gefunden haben. Namentlich die Palmenkronen, wenn sie mit reifen Datteln belastet sind, bilden ihren Lieblingsaufenthalt und die ganze Palme scheint dann von einer auf und absteigenden Wolke schreiender Vögel umrungen zu sein.

Im dunklen, tiefen Schatten der Sykomoren verbergen dagegen die Turteltauben ihre fast weinerlichen Liebesseufzer, die von Baum zu Baum erwidert werden; dank dem hiesigen, milden und gleichmäßigen Klima hat eine Art von größeren Turteltauben ihre Wanderlust vergessen und sich entschlossen, hier zu verbleiben. Tief unten im noch dunkleren Schatten am Fuße der Bäume weint die kleine Gamar, die Tochter des Gärtners. Sie singt das ewige Lied der Menschheit, die Träne!

Dumpfer und weit tönender ist das Girren der Waldtauben, nur in den dunkelsten Stellen hörbar. Am hellsten lautet der Klang der schönen Bienenfresser, einer der buntesten Vögel, die uns schon an die Tropen mahnen und in Haufen um den Stamm flattern, aber nicht so dicht, wie die Staare; bald gefällt es ihnen nach einer Richtung dahin zu schießen und manchmal wieder plötzlich hinaufzufliegen, um sich dann wieder fast senkrecht niederzulassen. Sie geben im Fluge ein lautes Gellen und Pfeifen von sich, das man nicht leicht vergißt und einer der charakteristischen Frühlingslaute ist. Wenn sie sich niederlassen, kann man Melodien unendlicher Süßigkeit hören, welche wie kosendes Liebesgeflüster lauten; dann sitzen sie gewöhnlich paarweise und singen ein Lied zusammen, das etwas ganz Exotisches in sich hat, begleitet von dem Gezwitscher kleiner Singvögelscharen, welche eine ganze Baumgruppe von ganz kleinen Dipteren befreien. Einen grellen Gegensatz hiezu bilden die auf dürren Ästen der höheren Bäume etwas vor Sonnenaufgang postierten Reiher, welche in dem wirtlichen Geäst die Nacht zugebracht hatten und nun, nachdem sie sich kräftig geschüttelt, ihren Schnabel zusammenklappen, als wollten sie sich überzeugen, daß sie bereit seien, frische Beute zu fangen und vom lauen Südwinde begünstigt, plötzlich nordwärts ziehen, um neue Gefilde aufzusuchen.

Manchmal dachte ich so nach und auf liebe Bekannte; aber ich war allein, denn in dem Maße, wie die Menschen älter werden, ist es schwieriger, daß sie miteinander bekannt werden. Hauptsächlich weil sie weniger offenherzig sind; sie zeigen sich mehr so, wie sie sein sollten, als so, wie sie wirklich sind. Ein Fehler, der in der Jugend vielleicht, weil von dem anderen besessen, kein Grund der Abstoßung, sondern vielIeicht sogar der Annäherung wäre, wird gleich als etwas trennendes betrachtet. Denn das Urteil ist strenger; und sollte man selbst den gleichen  Fehler auch haben, so will man es nicht gestehen. Auch bildet sich die Anhänglichkeit schwieriger, braucht längere Zeit, deswegen ist es notwendig, bevor man von jemandem sagen könne, daß man ihn kenne, daß Jahre, ja Jahrzehnte vergehen. Manchmal wird man das ganze Leben nebeneinander traben, ohne sich gegenseitig kennen zu lernen. Dies hängt auch von dem Umstande ab, daß man, um sich kennen zu lernen, besondere Verhältnisse braucht. In dem alltäglichen Einerlei wird man sich nicht kennen lernen und dieses wird, ohne besondere Umstände manchmal Jahre lang dauern. Eine Kleinigkeit sagt manchmal mehr in einer Minute, wie ein Jahrzehnte langes Zusammenleben.

Ich versäumte nie, den Sonnenuntergang anzuschauen; er ist so schön in solchen Gegenden, daß man sich daran nicht sattsehen kann; aber nicht nur die Sonnenuntergänge der Wüste, auch die Sonnenaufgänge derselben muß man sehen, denn die ersteren sind die Fortsetzung, ich möchte sagen der Schluß derselben. Die Luft ist so dunstfrei, so rein, daß man sich in eine andere Welt versetzt zu sein glaubt. Nur das Plateauland von Mexiko bietet eine Ähnlichkeit damit. Das Goldige des Abends verändert sich nun ins Violette, welches sozusagen den Übergang zum Blau der Nacht bildet. So ist keine Dämmerung vorhanden, aus dem Lichte des Tages entsteht die sanfte, ruhige Nacht und aus dieser der neuerstandene, goldige Tag. Es ist nur eine Metamorphose. In den Mittagsstunden glitzert die Wüste wie das Meer, beide scheinen gleich dem Triumphator Helios anzugehören. Auf beiden herrscht er allein, ungeteilt ist sein Reich. Wo seine Herrschaft größer sei, ist schwer zu sagen, denn seine Macht ist gleich groß, gleich unbegrenzt. Auch in den Lauten hat seine Stimme etwas befehlendes, etwas elementarisches, daß keine Bemerkung gestattet oder nur eine Verneinung tragen könnte.

Wenige Menschen haben die Stimmung der Bäume so geschickt und so trefflich wiedergegeben, wie der große Landschafter Claude Lorrain ; man braucht nur mit Mühe eine zeitlang seine Bilder durchzublättern, um sich davon zu überzeugen.

Drei sind die Hauptstimmungen: die Morgen, die Mittag und die Abendstimmung. Die Morgenstimmung erscheint wie unter einer Perlmutter-Glasur, die Umrisse sind nicht dunkel, sie sind hell, sie teilen Licht mit an das gesamte Bild: die ganze Stimmung atmet Ruhe; über leicht hingehauchte Hügel ziehen Herden; in der Nähe blöckt eine Ziege, die Stimmen der ihr nacheilenden Jungen haben etwas trompetenartiges, merkwürdiges. Die Halme, noch weich vom nächtlichen Tau hängen herab, so die Blütenknospen; namentlich Rosmarin eignet sich dazu, um diese Stimmung auszudrücken, noch erhöht durch seinen Duft.
 Die Mittagsstimmung ist ein Triumph: helle und schimmernde Farben; vielleicht kein anderer Baum eignet sich so sehr ihren Triumph zu feiern, wie die Poinciana mit ihrer scharlachroten Blütenmenge nach ihrer langen Blattlosigkeit. Es ist ein Triumph des Lichtes und der Farben. Nichts ist zu schnell, nichts ist mächtig genug, um diese Stimmung zu verherrlichen. Es ist eine Transfiguration, ein Fest der Natur.

Allmählich nehmen die Farben an Intensität, aber nicht an schimmernder Glut ab. Sie scheinen ineinander zu verschmelzen. Die Schatten werden immer tiefer und dadurch ihre Wirkung größer. Denn gegen Sonnenuntergang zu verschmilzt das Gesamtbild zu einem Ganzen; man fühlt, daß es zusammengehört. Lämmer weiden in der Nähe, sie rufen weinerlich ihre Mütter. Der Ruf des Zickleins ist bei Tagesanbruch nicht anzutreffen. Die unbekannte Finsternis naht und drückt sie ganz der Natur auf.

Drei Bäume haben im Mittelmeer haben den Namen Liebesbaum verdient. Der eine ist der sogenannte Judasbaum (Cercis siliquastrum), wegen des Reichtums seiner rosafarbenen Blüten, welche den Baum, noch bevor derselbe seinen Blätterschmuck hat, fast ganz sowohl am Stamm, wie an den kleinen Ästen beladen. Der zweite ist der wohlriechende Eleagnus augustifolius, mit seinem betäubenden Duft, der so durchdringend ist, daß ein einziger Baum im Stande ist, ein ganzes Tal damit auszufüllen. Der dritte ist die Melia azedarach, dessen zart bläulich blühende Blütenbüschel schon frühzeitig auftreten und namentlich in Griechenland als Frühlingsboten gelten. Gelegentlich der Lambri oder Osterfeste werden Läden etc. mit den Beeren geschmückt, die, wenn sie gut reif sind, ein beliebtes Futter der Fledermäuse bilden.

Unter den Dumpalmen ist es verboten zu lagern, aus Furcht, daß die starken Früchte einem auf den Kopf fallen könnten.

Auch der Regen auf die belaubten Zweige hat seine eigene Poesie und man begreift, wie der Imperator Claudius sein Bett unter denselben aufstellen ließ, um diesem leisen Geräusche sein Gehör darzubieten.

Am Anfange des Herbstes, wenn die Nächte kalt zu werden beginnen, fangen manchmal schon in den ersten Morgenstunden die Blätter an, wie ein Regen herabzufallen. Manchmal strömen sie regelmäßig herab, anderemale dagegen steigen sie ähnlich wie Schmetterlinge wieder empor, begegnen sich, scheinen sich aneinander zu kleben und dadurch schwerer geworden fallen sie rascher zum Erdboden herab. Anderemale durch den Wirbelwind aufgefangen, ziehen sie seitwärts  in förmlichen, gelben Wolken.

 

Lieder der Bäume

Claude Lorrain: Pastorale Szene