EINLEITUNG

Wie ein Smaragd im saphirblauen Meere nimmt sich von Aussen das mit Weinbergen bekleidete Santorin aus, und man begreift fürwahr leicht, warum es die Phönicier Kalliste (die schöne) nannten. Als greller Gegensatz dieses lachenden Bildes erscheinen aber die fahlen, öden Abstürze gegen den innern Golf, dem Krater zu. Von der Höhe des Ayios Elias überblickt man Alles vollkommen wie auf einem plastischen Plane. Der alte Rand ist aber theilweise zerstört. Die mächtige Sichel von Thera, die Insel Therasia und die einsame Aspro Njisi sind die Ueberreste der alten Um­fassung, welche, theilweise in geschichtlicher Vorzeit (The­rasia wurde von Thera im J. 326 v. Chr. getrennt) durch vulkanische Einflüsse von einander geschieden, dem offenen Meere im tiefen Krater Raum liessen. Noch heute kann man die von einer Insel zur anderen ver­laufenden Schichten wie gleich hoch gestellte buntfarbige Quaderreihen bei den Ruinen eines Palastes deutlich verfolgen; manche lichtgelb von weichem Tuff, andere weiss von Bimsstein-Bruchstücken, wieder andere schwarz von schwammigen Lavamassen. Aber die nimmer ruhende  Natur hat zu wiederholten Malen Anstrengungen gemacht, dem Meere das alte Gebiet wieder abzugewinnen und den einstigen Krater wieder herzustellen, einer zähen Pflanze gleich, die wenn auch bis an den Boden beschnitten, immer wieder neue Triebe aussendet. So entstanden der Reihe nach vulkanische Inseln im Centrum des Golfes. Die Paläa Kaymeni tauchte schon im Jahre 196 v. Chr. empor und erhielt dann im Jahre 19, 726 und 1457 n. Chr. neuen Zuwachs; die Thia im Jahre 46 n. Chr., versank aber wieder und besteht nun als Bank (B a n k o) im tiefen Meere, auf der die Schiffe ankern; die Mikra Kaymeni endlich entstand im Jahre 1573. 1650 fand eine grosse Eruption statt ohne Inselbildung, aber im Jahre 1707 öffnete sich ein neuer Krater zwischen Paläa und Mikra Kaymeni, der über ein Jahr thätig war und zwei Inseln schuf, die von 1711-1712 in einen Kegel, die jetzige Nea Kaymeni, vereinigt wurden. Zu diesen gesellten sich von Ende Januar 1866 bis Herbst 1870 die Neubildungen des Georgskegels und der Aphroessa mit den vielfachen Lavavorsprüngen, über deren allmälige Entstehung uns F. J. Schmidt  genaue Details mitgetheilt.             

Die Laven der Kaymenen, wiewohl ihrer petro­graphischen Constitution nach alle einander gleich, differiren in Structur und Färbung doch vielfach voneinander. Die Gesteine von Paläa und von Mikra Kaymeni sind zumeist licht- oder dunkelgrau gefärbt, feinkörnig, reich an kleinen Poren oder von grösseren Hohlräumen durchzogen, stellenweise erscheinen pechsteinähnliche oder blasige Modificationen im Zusammenhang mit der feinkörnigen Masse. Jene von Nea Kaymeni sind vorwaltend dunkel, schwarz oder braunschwarz gefärbt, zum Theil fast compact, schwach fettglänzend, pechstein­ähnlich; bei der Mehrzahl aber ist die Masse undeutlich feinkörnig und voll kleiner Poren; Laven endlich, welche zahlreichere und grössere Hohlräume enthalten, vermitteln den Uebergang in blasige und in schwammig aufgeblähte, bimssteinähnliche Varietäten.  Die dunklen Lavamassen der Kaymenen und ihre öden emporragenden Krater stehen da als drohende Mahnung den sie umgürtenden Inseln, gleichsam jeden Augenblick bereit, sie durch neue Kataklysmen zu zerstören. Der Vulkan schlummert nun und auch dieErdbeben sind seit der letzten Eruption vom J. 1866 seltener und schwächer geworden, aber die Höhen der Neubildungen auf Nea Kaymeni sind noch immer glühend und es steigen noch täglich Schwefeldämpfe aus dem Georgskegel als Holokauste der Natur empor, die sich dann als lichte Wölkchen im tiefblauen Aether verlieren. Friedlich und glücklich leben jedoch die Bewohner Thera's, um die nächste Zukunft unbesorgt, und man gab gleichsam in böser Ironie der ewig auf­geregten Erdscholle den Namen Santorin, den man von Sancta Irene (heiliger Frieden) ableiten will. Man sieht wie Genügsamkeit, einfache Sitten und Abgeschlossenheit von der bösen tückischen Welt hinreichen, um selbst in rebellischer Natur Menschenglück zu schaffen, und mit Freuden denke auch ich an die in dem vulkanischen Gebiete verlebten Stunden zurück, als an die angenehmsten im ägäischen Meere.  

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PALÄA  KAYMENI

Diese Insel, auch Hiera genannt, hat einen Flächeninhalt von 6,078.960 engl. Quadrat-Fuss und ist, wie bereits erwähnt, die älteste von Allen. Sie ist von Südosten nach Nordwesten gemessen 0.84 engl. Meilen lang und im südostlichen Theile am höchsten; hier erheben sich steile Wände einer älteren, aschgrauen, höchst feinkörnigen, manchem Trachyte ähnlichen Lava, welche in eiförmig gebogene, oder ebenflächige Platten abgesondert ist. Nur im Norden der Insel zieht sich eine aus der Eruption von 726 n. Chr. stammende schlackenartige Lavaspitze hin. Im Schutze derselben buchtet sich ein kleiner Hafen ein, an dem ein Kirchlein Ayios Nikolaos steht. Es liegt auf einem dünn geschichteten Lavavorsprung zwischen dem doppelt ausgebuchteten Hafen. Das weiss angestrichene bloss gelegte Tonnengewölbe und die vortretende Absis stechen von den umliegenden dunklen Lavamassen grell ab, gewiss ein trefflicher Platz auf diesem neu entstandenen Boden, um sich stillen Betrachtungen über die göttliche Allmacht hinzugeben. Die Thüre ist offen; eine hölzerne roh bemalte Ikonostasis und davor hängende Lampen aus durchbrochenem Blech bilden die innere Ausschmückung. Der Boden ist mit Steinplatten gepflastert. Von den Ausbuchtungen des Hafens ist die linke reich an Riffen und von herabgerollten Lavablöcken und steilen Felswänden umgeben, neben welchen zahlreiche eisenhältige, blasenbildende Quellen aus dem Meeresgrunde emporsteigen, welche das umliegende Meer weithin röthlichgelb färben und einen Beigeschmack von Eisen erzeugen. Die Ufer sind davon rostroth geworden und der ziemlich seichte Grund an manchen Orten tintenschwarz. An der Stelle, wo das Wasser im Grunde des Hafens am stärksten aufsprudelt, konnte ich nur 26° Reaumur messen. Die rechte Aus­buchtung, welche sich nach Innen ebenfalls weit ausdehnt, gewährt kleineren Barken einen trefflichen Schutz, da sie rings umschlossen ist und die nahe Nea Kaymeni der Mündung gegenüber liegt. Im Grunde derselben ist ein kleiner aus ein Paar Steinen gebauter Quai, und von hier führt ein Pfad zwischen den steilen Wänden und dem von schwammiger neuerer Lava gebildeten Vorsprunge, welcher ein vom übrigen Theile der Insel geschiedenes Ganzes bildet, hinauf und erreicht vierfach gewunden und mit Stufen versehen, an der am leichtesten zugänglichen Stelle das Plateau der Insel.

Indem man dem Pfade aufwärts folgt, gewahrt man auf der schlackenartigen Lavaspitze ein kleines, tiefes, mit klarem Meerwasser gefülltes Becken. Das gegen Westen allmälig an Höhe abnehmende Inselplateau besteht aus erdigem Rapillo, ist hie und da mit Lavablöcken besäet und mit häufigem Atriplex (dem A. Halimus sehr ähnlich), einzelnem Lycium afrum, Mastixsträuchern, Absinth, mit vielem Cerastium tomentosum und mit einigen Gramineen bewachsen. An manchen Stellen wurden durch Menschenhand einige Steine entfernt oder solche in Reihen aufgestellt, um das Regenwasser zurückzuhalten und dadurch den Gräsern ein besseres Wachsthum zu sichern, da zur Winterszeit Maulthiere hierher zur Weide gebracht werden. Die höchste Stelle der Insel befindet sich an der Ostseite auf der Spitze der Lavawände, welche man auch von einer kleinen, links von derselben gelegenen Ausbuchtung aus leicht erklimmen kann. Von der Höhe, die 98.8 Meter misst, überblickt man ganz schön die beiden anderen Inseln mit Thera im Hintergrunde. Nach dieser Höhe bietet sich uns am südöstlichen Ende eine Vertiefung mit dunklen Lavablöcken und zwei höheren Lavamassiven am Rande, welche jedoch niederer als das vorerwähnte Ende der Insel sind. Zwischen beiden läuft eine schmale Thalsohle gegen das Meer hinab. Im Westen, wo das Inselplateau nur mehr 54.4 Meter hoch ist, erscheint dasselbe von tiefen Spalten durchfurcht, während eine starke Spalte, mit grossen Lavablöcken an den Seiten, der Länge der Insel folgt. Unweit des westlichen Endes dieser Spalte trifft man eine ähnliche Bildung, ein etwa 10 Meter tiefes, rundes Loch. Das Ende der Insel wird niedriger und unebener mit einer Furche gegen Norden,  welche nach der Länge der Insel verläuft; auch gegen Süden ist eine tiefe, mit zerbrochenen Lavablöcken versehene Furche quer durch die Insel gezogen. Etwa in der Mitte des Plateau's zieht sich gegen Süden ein Thälchen hin und es steht dort neben einem grossen Lavablock eine nun dachlose, aus Lavastücken gebaute Hütte, der Rest einer Winterbehausung. Kein Mensch wohnt zur Sommerzeit auf der Insel, und nur selten besucht ein einsamer Fischer die Ufer, nach dürftiger Beute spähend. Ich sah dort aber fünf Hunde, klein und mager, aus den Felsblöcken und Spalten des Bodens, höllischen Gespenstern gleich, herausrennen,  elende Ge­schöpfe, wie man mir sagte, von grausamer Hand auf die weder Wasser noch Nahrung bietende Insel hingebracht, um dort einem langsamen Hungertode entgegenzugehen. 

West-Cap
West-Cap der Paläa Kaymeni

Schiffen wir uns nun im kleinen Hafen bei der Kirche von Ayios Nikolaos ein und fahren wir um die Insel herum. Zuerst finden wir die massige, kurze Spitze, welche den Hafen schützt, dann herabgerollte Blöcke der geschichteten Felsenabstürze. Daneben liegen unterhalb der steilen Felsenwände der höchsten Anhöhe zwei Riffe. Diese gehören einem Vorsprung an, der einen nun isolirten Felsen bildet, hinter welchem bei Nordwinden Schiffe in einer kleinen Ausbuchtung zu ankern pflegen. Dann tritt eine gegen Süden gerichtete Spitze vor, nach welcher sich eine Ausbuchtung mit kleinem Strande im Grunde darbietet. Hierauf springt wieder eine andere, von den beiden früher erwähnten Lavamassiven gebildete Spitze vor, welche ziemlich weit gegen Süden sich ausdehnt und mit einem kleinen Riff abschliesst. Nun bietet uns die Küste vom niedrigeren Massiv bis zum westlichen Cap eine Reihe von Abstürzen dar. Bei dem ersteren zeigen die Abstürze convolute, dünn-plattige Schichten und am Fusse desselben ist auch ein Schotterstrand, sonst findet man auf den Hängen durchwegs nur herabgerollte Lavablöcke. Das Westcap, an dem sich die Wogen heftig brechen und sich in den tiefen Aushöhlungen und wilden Furchen der steilen Lavamassen mit dumpfem donnerartigem Getöse verlieren, weist uns zwischen Bimssteinmassen einige Lavabruchsteine auf. Lediglich die munteren Schwalben und die gewandten Puffinen leisten hier dem Wanderer Gesellschaft;  man sieht sie mit dem einen Flügel die Wellen flüchtig  berühren, während die untergehende Sonne Polykandro goldig beleuchtet und die dunstigen Formen von Milo,  als gehörten sie anderen Sphären an, in der Ferne  auftauchen. Hat man das Cap, dem zwei kleine Riffe gegenüber liegen, passirt, so erscheint uns die andere  gegen Norden gekehrte Insel. Die Abstürze  sind hier im Ganzen niedriger, nur stellenweise erhöht  und weniger wild. Wir treffen zuerst eine ziemlich  niedrige  vortretende Spitze mit einem Absturz und ein paar Riffen  davor, hinter welcher sich der sanftere mit Lavablöcken  besäete Abhang der Insel hinzieht. Nach einer kleinen  Ausbuchtung folgt die uns schon bekannte schlackenartige  Lavaspitze, welche verflacht vortretend mit vereinzelten  Riffen abschliesst.

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MIKRA KAYMENI

Die Mikra Kaymeni, im Osten der Nea Kaymeni, und dicht bei derselben gelegen, ist klein. Ihr Flächeninhalt beträgt nur  1,101.811 engl. Quadrat-Fuss ihre grösste Länge von Nord  nach Süd 0.94 engl. Meilen. Sie besteht aus einem  einzigen Kegel mit einem gedehnteren schlackigen Lavavorsprung gegen Norden. Der Kegel ist nach Aussen  sanft abgerundet, am steilsten gegen die schmale Meer enge, die ihn von der neuen Spitze der Nea Kaymeni und dem Megalo Liman, auf den wir später noch  zurück kommen werden, trennt. Die Hänge bestehen aus  feinem Rapillo und nur wenigen Lavablöcken. Hin und  wieder wächst etwas Gras, so dass man zur Winters- zeit auch hierhin Maulthiere zur Weide bringt. Man  findet da bimssteinähnliche, so wie gestreifte Laven. Im  Osten sieht man eine unbedeutende zum Krater führende  Furche mit roth gebrannten Laven. Auch die ganze  Höhe der Kraterrandfläche ist eingefurcht und mit Felsblöcken besäet. Auf beiden Seiten des Kraterrandes, im Norden und Süden, befindet sich ein Durchbruch; der südliche, gegen die schmale Meerenge gekehrte, ist der bedeutendere und man kann durch denselben leicht in' s Innere des Kraters gelangen. Dieser ist sehr tief und gewährt einen höchst wilden Anblick mit seinen feinkörnigen, pechsteinähnlichen Lavablöcken, welche auf dem feinen Rapillo zerstreut sind. Nur ein Paar magere Feigenbäume unterbrechen hier die Steinwüste.

Mikra Kaymeni

Mikra Kaymeni

Dieser Krater, das typische Bild eines Vulkans, steht an Grösse allen anderen voran. Der höchste, 69.9 Meter messende Rand liegt im Süd-Osten, von einer kleinen Triangulirungspyramide überragt. Hübsch ist von der Westseite die Aussicht auf den Megalo Liman, mit den zwei ernsten, grauen Kegeln der Nea Kaymeni. Aus dem nördlichen Durchbruch zieht sich eine sanfte Verflachung gegen die Lavaschlackenzunge, welche abgerundet mit einer kleinen Einbuchtung auf der Ostseite endigt. Auf den Rapillo-Abhängen wachsen einige wilde Feigenbäume, namentlich rechts an der schlackigen Zunge ist eine Gruppe solcher niedriger Bäume zu sehen. Man trifft hier viel Rapillo, einzelne Blöcke, dann trachytische, gestreifte und schlackenartige Laven, zwischen welchen etwas sonngedörrtes Gras sich zeigt.

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NEA KAYMENI

Nea Kaymeni oder Megala Kaymeni,die größte und merkwürdigste der Kraterinseln, misst in ihrer grössten Länge von Nord nach Süd 1.2 englische Meilen. Vor 1866 war ihr Flächeninhalt 9,546.500 englische Quadrat-Fuss, der von der neuen Eruption bedeckte Theil beträgt 2,451.847 englische Quadrat-Fuss, die neuen Eruptionsgebilde bis 18. Januar 1868 13,540.833 □Fuss. Zwischen derselben und der Mikra Kaymeni buchtet sich der von beiden Kegeln der Nea Kaymeni beherrschte Hafen Megalo Liman, in seinem Grunde Liman sta dio Njisa genannt. Sowie man in die heissen gelben Gewässer desselben eintritt, fühlt man sich in eine vulkanische Welt versetzt. Man sieht eine wahre Wüste von schwarzer, starr aufeinander gethürmter Lava und tiefgrauer Asche. Am Ufer stehen verlassene Häuser, halb im Wasser versenkt, als stumme Zeugen der letzten Zerstörung. Die Einsamkeit dieses Ortes, das Unheimliche des lauen Hauches, der aus den noch warme Hängen und Gewässern emporsteigt, ist schwer zu beschreiben und man glaubt jeden Augenblick den schlummernden Vulkan wieder erwachen zu sehen. Der  Hafen hat zwei Eingänge, welche zwischen der Nea Kaymeni und der Mikra Kaymeni liegen: der eine im Norden, breit und tief, durch welchen Schiffe, die durch die heissen Gewässer ihr Kupfer reinigen lassen wollen, einfahren, der andere im Osten, schmal, durch eine Bankspitze der Mikra Kaymeni theilweise obstruirt, und lediglich Booten zugänglich. 

Wenn wir durch den Haupteingang einfahren, haben wir zur Linken den Kegel der Mikra Kaymeni  mit drei Landfesten am Ufer, zur Rechten den alten Kegel der Nea Kaymeni, an dessen Fusse noch zwei nun im Wasser stehende Kanonen-Landfesten des alten Molo zu sehen sind, die bei den letzten Convulsionen versenkt wurden. Auch befindet sich hier ein altes tonnengewölbtes Magazin, das jenem Manne gehört, der mir auf der Insel als Führer diente. Daneben hat das Meer einen kleinen Schotterstrand gebildet, hinter welchem sich die tiefgelben Gewässer ansammeln. Auf einer aschigen Landzunge zwischen dem alten und dem Georgskegel sieht man noch sechs zertrümmerte Häuser, theilweise im Meere versunken und mit abgebrochenen Wölbungen. Einige Schritte weiter steht die Ruine der katholischen Panagia-Kirche. Grosse Lavablöcke liegen rings umher, sie bedecken die neu aufgestiegene Landspitze, die sich fast bis zu  Mikra Kaymeni  erstreckt, von der sie nur durch eine kleine Meerenge getrennt ist. Zwischen dieser Lavaspitze und dem Georgskegel zieht sich im Grunde des zweifach ausgebuchteten, fast flussartig gestalteten Hafens, ein wildes, mit schlackenartigen Lavablöcken erfülltes Thal, das den Georgskegel umgürtet. Im Hafengrunde, wo ein paar Riffe liegen, entspringen die heissen Quellen, dicht bei der Kirchenruine mit einer Temperatur von + 47° Reaumur und weiter im Grunde, wo sie sich in grosser Menge durch das Aufwerfen von Blasen kennzeichnen, mit 38°. Da sie schwefel- und eisenhältig sind, färben sie das Wasser weithin gelb, welches dann durch beide Mündungen hinausströmt, namentlich stark durch die engere, wenn das Wasser durch Nordwinde vor der weiteren Mündung gestaut wird. Merkwürdig ist die Wirkung dieses Wassers auf das Kupfer; binnen 24 Stunden wird der Boden eines Schiffes vollkommen gereinigt, länger dürfen Schiffe jedoch nicht verbleiben,  denn sonst wird das Kupfer angegriffen; auf Holz wirkt es nicht schädlich. Diese Quellen bestanden zwar auch vor dem Jahre 1866, waren aber nicht warm wie heutzutage, sondern sogar noch um etwas kühler als das umliegende Meer und bildeten immer den Hauptanziehungspunkt der Insel.

Es standen dort etwa 40 Häuser, wo wohlhabende Familien aus Thera oder von anderen Punkten Santorins im Sommer einige Wochen zum Gebrauche der Bäder oder lediglich um die Frische am Meere zu geniessen, zu wohnen pflegten. Auch befanden sich dort zwei Kirchen, eine katholisch, von der, wie bereits erwähnt, noch die Ruinen zu sehen sind, die andere griechisch, Ayios Pandeleion, welche durch den sich emporhebenden Georgskegel gänzlich verschüttet wurde. Die Häuser waren vor der Eruption zur Quarantaine benützt worden, so dass nur Wenige mehr auf der Insel wohnten. Die Eruption kam auch so langsam, dass sie nicht bloss das Leben, sondern auch ihr Hab und Gut zu retten im Stande waren. Dann erst fing der Vulkan zu donnern an; auch die auf Banko geankerten Schiffe wurden gefährdet, so dass die dort zur Beobachtung der vulkanischen Phänomene liegenden Kriegsschiffe jeden Abend nach dem eine Stunde entfernten Nio fuhren und bei Sonnenaufgang wieder zurückkehrten. Seit jener Zeit hat die ganze Herrlichkeit ein Ende, kein Mensch wohnt mehr auf der glühenden Scholle, und braucht man die Heilquellen zur Kur, so wird das Wasser von den Kaymenen in Fässern nach Santorin gebracht.  Eine mit umherliegenden Lavablöcken und Rapillo bedeckte Einsattlung trennt den alten Kegel der Nea  Kaymeni  vom Georgskegel. Ersterer bietet eine aus feinem Rapillo bestehende steile Seite sowohl gegen den Megalo  Liman, wie gegen die Einsattlung zu, von welcher er aber minder gut zu ersteigen ist, als von der sanfter geneigten Südwestseite. Er hat sonst felsige, mit nur wenigem Rapillo versehene Hänge, einen ziemlich regelmässigen Kraterring von 420 Metern im Durchmesser und im Südosten eine mit grossen Fels-blöcken erfüllte, an mehreren Stellen mehr oder minder deutliche, tiefe Randfurche, welche im Osten eine Spalte gegen das Innere des Kraters sendet. Unweit derselben befindet sich ebenfalls gegen Osten, unterhalb grosser Lavablöcke, gleichsam ein kleiner Krater, in welchen sich die zerstörte Randfurche verliert. Man übersieht von hier sehr gut die Mikra Kaymeni. Die Höhe des Kraters ist vertieft, mit grossen kantigen Lavablöcken und vielen rothgebrannten Lavastücken besäet und mit spärlichen Gräsern bewachsen. Gegen den Sattel, also gegen Süden zu, ist der Rand am höchsten, im Jahre 1870 mass er 99.1 Meter.

Am nördlichen Rande wachsen drei Feigenbäume, einer in einer bedeutenden Vertiefung, ja man könnte fast sagen, Oeffnung  des Kraterrandes, von wo sich der schlackige, breite, verflachte, aus Lavablöcken bestehende Vorsprung, der gegen Norden vortritt, sanft hinauszieht.  Kehren wir nun zur Einsattlung zurück, welche gegen den westlichen Hafen, auf den wir später noch zurückkommen werden, vertieft ist und sich dann zu einem im Halbkreis gegen Südwesten gewendeten, zum Hafen hinabführenden Thale gestaltet, in welchem wir im Innern bimssteinartige Lava treffen. Von der Nordwestseite wird der Georgskegel, den wir nun den alten Kegel, wie überhaupt alle Höhen der Kaymenen überragend vor uns sehen, am leichtesten erstiegen, da man auf harten Lavastücken hinaufgeht; zum Herabsteigen wird dagegen der von Lavabruchstücken undRapillo gebildete Hang gegen die Einsattlung zu, also gegen Norden, am zweckmässigsten sein. Am Kegelabhang trifft man hochroth und gelb gefärbte Steine. Der Krater hat ein ziemlich verworrenes Innere; die höchste Kuppe des Randes, deren Höhe im Jahre 1870 119,2 Meter betrug, liegt im Nordwesten und man sieht noch eine Triangulirungspyramide auf derselben. Von hier überblickt man trefflich das ganze Innere, das im Durchmesser etwa 500 Meter misst. In der Mitte ist das ziemlich tiefe, 40 Meter weite Kraterloch mit drei kleineren und einer etwas grösseren Vertiefung im Westen, welche vom ersteren durch eine herausragende Kuppe geschieden wird. Im Osten liegt ein kleiner Seitenkrater, durch niedrige Kuppen vom Hauptkrater getrennt. Rings um den Krater sind Fumarolen, die theils aus den Spalten der Lavablöcke, theils aus dem durchwegs warmen Boden entspringen; ihre Oeffnungen sind mit sublimirten Ueberzügen von Schwefel in kleinen pyramidalen Kryställchen und mit Krusten von weissem fasrigem Gyps umgeben. Die meisten Fumarolen findet man im Osten und Süden. Auf der Südseite sind die Hänge des  Georgskegels am niedrigsten und am wenigsten konisch und weisen eine Vertiefung mit reichlichem Schwefel und weissen fasrigen Gypskrusten auf. Sie dehnen sich gegen eine mit Rapillo und Lavastücken bedeckte Verflachung aus, die in einem Massiv mit einem grossen Felsblock ihren Abschluss findet.

Südwestlich vom Georgskegel ist eine trichterartige Vertiefung, dann folgt eine ganz verworrene Fläche mit kraterartiger Einsenkung. Der ganze Boden ist hier sehr heiss und man sieht durch die aus den Höhlungen unter dem Gestein herausströmende Hitze die Luft flimmern. Man findet hier dieselbe Lava wie beim Georgskegel, bisweilen aber von der Hitze gebrannt, an mehreren Stellen sind auch sublimirte Schwefelüberzüge zu sehen. Von  hier kann man das am Ende der Rapillo-Fläche gelegene 79 Meter hohe Massiv mit dem grossen Felsen in Kürze erreichen, neben welchem mehrere andere, phantastisch emporgehobene Blöcke umher­liegen. Von hier dehnt sich gegen Südosten ein mächtiger  Lavastrom aus, während sich gegen Süden ein tief eingefurchtes Lavatal hinabzieht. Der Anblick dieser warme Dünste ausstrahlenden Felsenmassen ist fürwahr ein höllenartiger. Fährt man durch die kleine Mündung von Megalo Liman hinaus, so trifft man die Bank, Banko genannt, wo die Schiffe in 9-20 Faden zu ankern pflegen. Eine rothe Boje bezeichnet das Centrum der Bank, wo man den Anker am besten fallen lassen wird, denn der Grund ist so abschüssig, dass man am Rande der Bank von 20 Faden plötzlich in bedeutende Tiefe gelangt, wobei die Anker trotz des festen Grundes doch leicht nachlassen könnten. Auf dieser Bank ist man, Dank den neuen Vorsprüngen der Nea Kaymeni, vor den südlichen Winden trefflich geschützt; die breite Nordmündung des Golfes lässt jedoch den nördlichen Winden, freien Zutritt und namentlich bei reinem Nord sind See und Wind auf der Bank bedeutend.

Auch die Strömung ist sehr stark und läuft eigenthümlicher Weise bei Nordwinden dem Winde entgegen durch den Kreis, den sie um den Krater beschreibt. Aber auch selbst bei Nordost (Vuriá), der bekanntlich im Archipel eine bedeutende Gewalt erreicht und reffweise auf dem Golf von Santorin dahinschiesst, ist der Ankerplatz auf Banko im Winter so unsicher, dass Schiffe lieber südlich von den Kaymenen den Anker werfen. Verfolgt man die Küste der Nea Kaymeni gegen  Süden, so trifft man nach dem Lavavorsprung, der gegen die Mikra Kaymeni vortretend den Megalo Liman umgürtet, eine Ausbuchtung, wo der Vincenzo Kakakhi Hafen liegt, welcher etwa 15 Faden Tiefe hat und meistens von Santoriner Schiffen besetzt ist. Er ist jedoch so klein, dass er kaum mehr als drei Quersegler, die sich am Lande vielfach vertauen, zu fassen vermag; dafür liegen sie dort, wo sie förmlich eingeschachtelt sind, ganz sicher vor Anker. Hierauf folgt ein vierfach vortretender, von Lavablöcken gebildeter Vorsprung, der mit einem Cap abschliesst, bei welchem an der Stelle, wo er sich gegen die Ausbuchtung dreht, 200 Faden Tiefe sind. Dann kommt eine breite Ausbuchtung bis zum nächsten Cap, wo sich uns zwei kleine,  von den verworrenen Lavamassen der Küste gebildete  Vorsprünge darbieten. Hier pflegen die Schiffe nach der Eruption zur Winterszeit im Schutze des Vuriá in 20-25 Faden zu ankern. Leider ist dieser Platz gegen Südwesten ganz offen. Nach einem anderen Cap folgt zuerst ein niedrigerer, dann ein höherer Vorsprung, welche beide gegen die Paläa Kaymeni gerichtet sind. In dem Canal zwischen diesen beiden Inseln liegen zwei kleine, bei der letzten Eruption entstandene neue Inseln, die Mai-Inseln Merembliaria und Aesania, aus losen Lava-Fragmenten gebildet. Man kann mit einem Boot zwischen beiden bequem durchfahren, mit Schiffen aber seitwärts von denselben.

An Nea Kaymeni's Küste zeigt sich eine Ausbuchtung, dann zwei Vorsprünge, hinter welchen sich der Ayios Georgis Hafen eröffnet. Dieser gegen Westen gekehrte Hafen ist dreifach ausgebuchtet und im Süden von einer mächtigen, Lavaspitze umgürtet. Es entspringen aus demselben wie aus dem Megalo Liman röthlichgelbe Gewässer, die jedoch weniger warm sind. In der beim Hineinfahren sich links darbietenden Ausbuchtung ist das Wasser am meisten gelbroth, dann im Grunde des Hafens und, wenn man hinausfährt, rechts gegen die Mündung zu. Auf einem kleinen Vorsprung zwischen den beiden innersten Ausbuchtungen liegen die Ruinen der Ayios Georgis-Kirche mit einfach vortretender Absis. Vor ihr steht eine eiserne Landfeste und links daneben ein Paar Feigenbäume. Früher wurde der Ayios Georgis Liman von Schiffen häufig benutzt, seit der Eruption aber wird er von denselben gänzlich gemieden. Jenseits des Hafens bietet sich uns ein anderer Vorsprung, der gegen den Hafen eine Spitze mit kleinem Riff davor aussendet. Das ist nun Alles alte Bildung aus der Zeit des alten Kegels der Nea Kaymeni. Dann kommt ein gegen Norden gekehrtes massiges Cap mit kleinem Ufer von Bruchsteinen, Apanu Liminjones genannt; auf der Ostseite desselben ist eine kleine Ausbuchtung und ein niedriger, dann ein etwas höherer Vorsprung, vor welchem ein kleiner Boothafen, der Inglez Liman, liegt. Nach wenigen Ruderschlägen erreicht man die grössere Mündung des Megalo Liman.

 

Einige Worte über die Kaymenen