Aus Leo Woerls Biografie mit Originalzitaten aus Salvators Werk:

Bei einem Winteraufenthalte in Ägypten, angesichts der Hafenbauten von Jaffa und Beirut, beschäftigte sich der Erzherzog Ludwig Salvator lebhaft mit dem Gedanken einer direkten Landverbindung zwischen Ägypten und Syrien. Mit Rücksicht auf die schlechten, gefahrvollen Ankerplätze des an Produkten so reichen südlichen Palästina reifte der Plan in ihm, den kürzesten und geradesten Karawanenweg der Alten, über Wadi el Arisch, selbst kennen zu lernen, um sich zu überzeugen, ob auf demselben zur Verbindung beider Länder eine Bahnstrasse ausführbar wäre. Da diese Karawanenstrasse seit Eröffnung des Suezkanals fast ganz in Vergessenheit geraten war, so musste der Autor eine Karawane mit Pferden und Maultieren von Jaffa herüberkommen lassen, mit der er die Reise zurücklegte.

Ich überzeugte mich auf dieser Wanderung", so heisst es im Vorworte, "von der Unzweckmässigkeit der Ausführung einer Bahnstrecke infolge der starken Sandverwehungen, welchen dieselbe stets ausgesetzt wäre, und wodurch ihre Erhaltung zu kostspielig werden möchte.
Die "Esbekieh-Träumereien" waren verträumt, doch umso lebhafter trat in mir der Gedanke meines alten Ideals auf - der Erbauung eines Hafens in Beirut und des Hinleitens des ganzen syrischen Handels mittels zweier Hauptbahnadern, wovon die eine die namentlich an Cerealien so reiche syrische Küste, die andre das Jordanthal durchziehen würde. Die Hafenbauten in Beirut wären leichter und mithin weniger kostspielig wie jene in Jaffa; auch sprechen zugunsten Beiruts die bereits dort angesiedelten, reichen Handelshäuser, sowie die wichtige Verbindung mit Damaskus und dem Binnenhandel.

Der Erzherzog schliesst sein Vorwort mit dem Wunsche, dass dieses für die Wohlfahrt Syriens so bedeutungsvolle Unternehmen bald in Erfüllung gehen möge.

In raschem Fluge versetzte uns eine Dampfbarkasse der Kanal-Compagnie von Ismaïlia nach El Kantara (die Brücke) an welcher Stelle wir mit unserer Karawane zusammentrafen. Es waren sieben Pferde, fünf Maultiere und drei Esel; Kamele, die gleich Phantomen in der Nacht umherirrten, führten wir sieben Stück mit.

Wie wohlthuend ist das Gefühl jener Freiheit, die man in der Wüste geniesst, die Seele sättigt sich mit Einsamkeit und die Phantasie malt allerhand Bilder auf dem in der Ferne tanzenden Horizonte. Der alte Abou Nabout ritt mit aller Ruhe der Muselmänner langsam einher, seine schwarzen Augen rollten auf die Fläche und auf den welken Lippen schienen Jugendträume aufzutauchen, wie sein Pferd den fliegenden Sand stampfte. Dem Araber ist die Wüste , wie dem Seemann das Meer, die Heimat, nach der er sich sehnt." -
"Wir hatten drei Zelte, wovon zwei als Wohn- und eins als Speisezelt diente, ausserdem noch ein Küchenzelt und ein keines Abtrittzelt. Abends wurden die Zelte aufgeschlagen, unsere vier Mukri und zwei Kameltreiber improvisierten ein Feuer und streckten sich um dasselbe aus. Der Mond beleuchtete still die friedliche Scene und bald legten wir alle uns zur wohlverdienten Ruhe.


Die folgenden Seiten enthalten die Schilderung der Karawanenreise, so wie sie Abend für Abend im Zelte niedergeschrieben wurde. Wir müssen uns beschränken, einige besonders markante Stellen wiederzugeben.

Der Tag war herrlich, die Luft stärkend, diese reine, kräftigende Luft der Wüste. Wir zogen durch die einförmige Ebene, in deren Ferne man gegen Südosten den Dschebel Al on Assab (Gebirge des Vaters des Zuckerrohres) auftauchen sieht. Von den erhöhten Stellen des welligen Bodens erblickten wir zwei Dampfer, die den Kanal hinaufziehen. Es macht einen gar sonderlichen Eindruck, die bemasteten Riesen scheinbar in einem Meere von Sand gravitätisch vorschreiten zu sehen, denn der Kanal selbst bleibt verdeckt und nicht genug kann man das grossen Unternehmen preisen.

Hierauf gelangten wir an eine wellige dominierende Stelle, von der man weithin die obengenannten Gebirge und die Palmengruppe von Zanga überschaut. Zur Linken entfaltet sich uns inzwischen die herrlichste Fata Morgana mit einem grossen See samt seinen Vorsprüngen. Ja sogar die Brandung des Meeres in täuschender Ähnlichkeit.In der Ferne sehen wir mehrere Beduinen und einige Weiber, welche meist schwarze Ziegen auf die magere Weide führen." "Man gelangt später zu einer grossen Sandkette, mühsam schleppen sich die Pferde in dem beweglichen Sand dahin. Die vollkommenste Wüste, öde und pflanzenleer. Überall sieht man umherliegende Kamelgerippe, an denen namentlich die frischeren unserer Pferde nur behutsam vorbeigehen wollen.

Es tauchen bereits über den sandigen Wellen die Palmen der Oase von Katia auf, und zwischen den Palmenstämmen winken unsere Zelte uns entgegen, die wir schliesslich bei einbrechender Dunkelheit erreichen. Unsere Pferde waren sehr ermattet und brauchten Erfrischung, aber auch uns war das bei den Zelten lodernde Feuer und nach einem erquickenden Waschen das aufgedeckte Abendmahl sehr willkommen und genussreich die Ruhe, ein wahres morgenländisches Kef auf den weit ausgebreiteten Teppichen. Zahlreiche Beduinen kampierten in der Nähe und weithin erklang in der stillen Nacht der Gesang ihrer Frauen.

Den Reichtum der Oase bildet der grosse, breite, aus Ziegeln gemauerte Brunnen mit Rigole, um nach dem Schöpfen die Tränken speisen zu können. Wir fanden dort eine Karawane von Damaskus mit einigen schlanken Moukri, welche Pferde und Maultiere, die nach Kairo bestimmt waren, trieben. Diese Herde, gehütet von den braunen, feinzügigen Gestalten der Syrier, bildete ein malerisches Bild voll charakteristischen Gepräges, mit den Palmen im Hintergrunde, mit diesem Dufte der Wüste, wo die grell erleuchteten Farben wie durch eine Gesamtlazur verbunden werden.

Der Weg ging stets den Telegraphenstangen entlang. Der Wind wehte von Süden, die Luft war gar zu brennend, wir durchzogen die sandige Wüstenhügelgegend, El Bredj genannte, welche von den Beduinen als wasserlose, anstrengende Strecke gefürchtet war. Wir begegneten einer Schar reisender, durch Durst und Hitze ermatteter Beduinen, die uns um Wasser baten. Herzzerreissend war es anzusehen, wie mühsam sich schleppende Kinder ihre Eltern nur um einen Schluck Wasser anflehten. Mir dünkt, ich höre noch heute ihr banges Jammern, wie sie eines nach dem andern aus den leeren Thonflaschen vergeblich noch einen Tropfen herauszubekommen suchten. Ich erinnere mich noch lebhaft an eine Familie, es war ein alter Mann mit drei kleinen Kindern, die beiden kleinsten klammerten sich auf dem Rücken eines alten erschöpften Esels an, während der Greis den bronzefarbige älteren Knaben an der Hand führte. Auf einmal brach das Tier zusammen und stöhnte im Sand, wo sich die Kleinen wälzten. Was jetzt? Die Augen des alten Mannes sind mir unvergesslich. ,Allah!' rief er aus und hob seinen Blick zum Himmel; er setzte sich nun ebenfalls in den Sand, nahm die armen Kleinen zu sich und liess das Tier ausruhen. Doch, wir müssen weiter." Am fünften Tage erblickten die Reisenden das ferne Schloss El Arisch, den letzten Vorposten ägyptischer Herrschaft gegen Osten. Als Knotenpunkt der Karawanenstrasse ist die ganze Existenz von El Arisch auf den Karawanenhandel basiert, es ist mit einem Worte eine Ortschaft von Kameltreibern.


Die ärmliche Ortschaft zählt 2800 Einwohner, die Beduinen, die in der Umgebung hausen, nicht mitgerechnet. Als Besatzung des stattlichen Kastells, mit sechseckigen Türmen an den Ecken, zählt man etwa 60 Soldaten, das Innere schaut sehr verlassen aus. Wir finden dort zerfallene Bahnhäuser für die Soldaten und den Divan des Gouverneurs mit einer Halle und einem mit Teppich belegten und mit einem Polster versehenen Inneren.


Bei der Beschreibung der Ortschaft, die fast nichts Sehenswertes enthält, erzählt der Erzherzog eine kleine Episode.

Während ich zeichnete, nahte sich mir ein alter Mann, der die Gräber einiger Kinder besah. Er frug mich, ob ich Kinder hätte; als ich verneinte, sagte er zu mir: ,Armer Mensch!' mit dem Ausdruck des tiefsten Bedauerns. Man sieht, wie sehr bei diesen Völkern die Vorstellung des Familienglückes mächtig ist. ,Aber was ist zu machen', setzte er weiter hinzu, ,man muss sich fügen, Gott wollte es so.' Ich setzte mein Zeichnen mit ernster Miene fort."
"Doch auch von El Arisch hiess es scheiden. Der Gouverneur und alle die dortigen Bekannten winkten uns noch zu, als wir gegen Osten zogen.


An den Telegraphenstangen weiterziehend, erreichten die Reisenden am Abend Scheich el Zvoyed und fanden mit Freuden auf dem smaragdgrünen Rasen ihre Zelte aufgepflanzt. Andern Tages wurde Khanyounis erreicht. Die Gegend hatte sich gänzlich geändert, grüne Landschaft und Bäume waren für das Auge des aus der Wüste Angekommenen eine ungewöhnliche Pracht. Khanyounis, die letzte Ortschaft Syriens gegen Ägypten, ist eine freundliche Ortschaft von 1000 Einwohnern. Das Hauptbauwerk, die 850 Jahre alte Kalá, bildete einstens ein stolzes Viereck mit Mauern und runden Türmen; heute ist ein Teil der Mauern zerstört und in wüstem Durcheinander ist der einst umzingelte Raum derselben mit elenden halbbaufälligen Häusern angefüllt, welche den Soldaten als Wohnung dienen. Noch erhebt sich das achteckige Minaret, aber die daselbst liegende, mit einer eiförmigen Kuppel versehene Moschee ist fast ganz zertrümmert. Die Ortschaft ist ärmlich; etwas Ackerbau, aber besonders die Viehzucht, ernährt die Bewohner.
Am folgenden Tage erreichten die Reisenden Ghaza im heiligen Lande, im Lande der Fülle und des Reichtums. Die Kameltreiber wurden verabschiedet und nach einigen Tagen machte sich der Erzherzog mit seinen Pferden und Maultieren auf den Weg, um zum drittenmale nach Jerusalem zu pilgern.

 

Die Karawanenstrasse von Ägypten nach Syrien