Ich kenne die Menschen
Und ich liebe sie.

Julius Andrassy.

I N H A L T

Vorwort V
Auf den Tennen von Son Moragues 1
Der Einsame Spatz 15
Die Schmuggler 23 
Sonnige Tage 43 
Die Einsiedler 55 
Die Ausstellung in Barcelona 67
Catalina’s Neigungen 75  
Am heiligen Grabe 89

 

V O R W O R T
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Sonderbarer Weise beschäftigen sich die Menschen am meisten mit den Thaten derjenigen, die ihnen Schaden zufügten. Die Geschichte derselben wird nach allen Arten und Richtungen hin geschrieben und mit Gier gelesen. Falschen Gelehrten, welche durch ihre irrigen Lehren die Fackel des Glaubens in den jugendlichen Herzen erlöschten, Empörern, die ein ruhiges Land in Feuer und Flammen setzten, Eroberern, welche Hunderttausende zur Schlachtbank
führten - ihnen wird ein Denkmal errichtet und mit grinsendem Lächeln blicken ihre ehernen Figuren vom hohen Marmorsockel auf die zu ihren Füssen wogende Menge, die blindlings neuen Zerstörern ihres Wohlergehens neue Statuen errichten wird.
Um die Geschichte wohlthätiger Wesen, welche ihre Mitmenschen liebten, ihnen halfen, um die kümmert man sich kaum; ihre Stimme verhallt ungehört wie die der nützlichen Singvögel in der Waldesstille verklingt und verschwimmt in dem Meere der auf einander folgenden Menschenwogen. Wie einsame, aber wohlriechende Blümchen keimen sie auf, entfalten
sich, verbreiten ihren himmlischen Duft und vergehen ungesehen und unbemerkt. Und doch, um wie viel veredelnder wäre es, wenn man sich gerade mit der schlichten Geschichte dieser segenbringenden Geschöpfe beschäftigen würde, wie viele Beispiele von Tugend, von Sanftmuth, von Opferwilligkeit könnte man aus ihrem Leben lesen und ihr bescheidener Name, den sie zu Lebzeiten nicht ausposaunten, würde im dankbaren Herzen der folgenden Generationen fortleben, die ihre Erinnerung segnen möchte und aus ihrem Lebenswandel nützliche Lehren schöpfen würde, um wiederum nach Thunlichkeit Gutes zu wirken. Ein derartiges Leben schildern die folgenden Seiten, mit Thränen benetzte Blätter, die ich in dankbarer Erinnerung an ein theures, frühzeitig verstorbenes Wesen aufs Grab lege.

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Auf den Tennen
von
Son Moragues.

Die Sitte am Lande zu wohnen und grosse Landsitze zu bauen, hatte sich im 17. und Anfang des 18. Jahrhunderts auch im kleinen Mallorca verbreitet und alle grösseren Gebäude als Landsitze stammen aus dieser Epoche oder wurden wenigstens in derselben erweitert. Sie waren zugleich Nutz- und Vergnügungshäuser, wo alles zum Betriebe der Cultur des dazugehörigen Bodens Nöthige vorhanden war und wo die Familie des Besitzers einige Monate des Jahres, je nach der Lage des Gutes, das für die eine oder andere Jahreszeit geeignet schien, zuzubringen pflegte. Die Güter im Gebirgslande waren namentlich für die Sommerfrische reservirt. Die reicheren Familien hatten mehrere solcher Sitze und pflegten mithin ihren Aufenthalt zu theilen; die weniger reichen hingegen, die vielleicht nur ein einziges Gut besassen, dessen Haus die gewünschte Bequemlichkeit zur Beherbergung der Familie darbot, pflegten in demselben den ganzen Sommer zuzubringen; dies war der Fall mit Son Moragues in Valldemosa, der gleichnamigen Familie gehörig.
Schon zur Zeit der maurischen Könige war das hochgelegene Wadi Musa (Moses-Thal), aus dem später Valldemosa entstand, der Sommersitz derselben, welches Alcazar von König Martin von Aragon den Karthäusern abgetreten wurde, die dort ein weitläufiges Kloster errichteten. Um dasselbe gruppirten sich allmählich Häuser und so entstand die jetzige Ortschaft.
Natürlich zogen bei der Eroberung nicht alle Mauren fort, sondern eine grosse Zahl verblieb im Lande, die sich allmählich mit der eingewanderten Bevölkerung der Eroberer assimilirte. Sowohl in den Ortschaften, wie auch in den Familien erhielten sich arabische Namen und bestehen auch bis zur Gegenwart.
Ein solcher war in Valldemosa jener der Homar. Mestre Miguel, ein junger Tischler, heiratete ein Mädchen aus der benachbarten Ortschaft Esporlas Ana Ribas, die ihm vier Töchter und drei Söhne schenkte. C. war die zweitgeborene Tochter, aber das dritte Kind, da ihr ältester Bruder ihr voranging.
Die Familie Moragues war auch recht zahlreich: der Herr, die Frau aus einer Valencianer Familie und acht Kinder, vier von jedem Geschlechte. Don Toni, so hiess der Herr, war allenthalben beliebt, freundlich und zuvorkommend mit Allen; er führte ein üppiges Leben, unbekümmert, ob die Renten seiner Güter die Auslagen deckten. Er liess auch viel arbeiten; er hatte Passion dafür; nicht blos, dass er sich freute, Neues zu schaffen und sein geliebtes Son Moragues zu verschönern, sondern er fand auch Vergnügen daran, arme Leute zu unterstützen und mit ihnen zu verkehren. Es besteht überhaupt unter den dortigen Adeligen nicht dieser Exclusivismus wie im Norden. Der bei Krönung der aragonischen Könige übliche Spruch:


Cadascu tant cuant vos
Y tot junts mes que vos
Vos coronam rey -
Ein jeder soviel wie du
Und alle zusammen mehr wie du,
Krönen wir dich zum König -
 


scheint in dem Bewusstsein des Volkes fortzuleben. Eine grössere natürliche Brüderlichkeit herrscht unter demselben und diesen Zug besassen Don Toni und seine Familie in reichem Masse.
Mestre Miquel war der Tischler des Hauses, der mestre de sa casa, wie man ihn dort zu nennen pflegt; denn jede Besitzung hat in den
verschiedenen Gewerken ihren Meister als Maurer, als Tischler, als Schmied, als Marjador, d. h. Erbauer von trockenen Mauern und wenn irgend eine Arbeit zu machen ist, wird er gerufen und gewöhnlich erst nach Empfang der Tercias oder des dreitheiligen Pachtzinses oder gar am Schlusse des Jahres  bezahlt. Bei kleinen Besitzungen besorgt ein mehreren gemeinsamer Meister die Arbeit; grössere haben ihren eigenen Meister für sich, der jahraus, jahrein mehr oder minder zu thun hat. So war M. Miquel der Mestre von Son Moragues und gleichzeitig mein Meister, da zur damaligen Zeit Miramar eine nur geringe Ausdehnung besass und nur ausnahmsweise Arbeiten zu verrichten waren. Jeden Tag aberpflegte Mestre Miquel nach Son Moragues zu wandern, wo Don Toni immer für ihn etwas zu thun hatte. Gegen Mittag brachte dem Mestre Miquel dann seine Tochter das Essen in einem thönernen Topfe, mit einem grossen, rothen Sacktuche umhüllt. Gewöhnlich fiel diese Arbeit der zweiten Tochter C. zu, während die erstgeborene der Mutter im Haus und in der Pflege der jüngeren Geschwister behilflich war. Sie setzte sich auf eine steinerne Bank in der Eingangshalle, die zu dem grossen, nüchternen Hof leitet - und wartete dort geduldig auf ihren Vater, der eifrig an der Arbeit, manchmal lange auf sich warten liess um etwas Begonnenes zu vollenden. Da kam Don Toni vorbei und setzte sich familiär neben das Kind, dessen natürliche Intelligenz und Gewecktheit ihm gefielen.
Er erzählte ihr von Paris, von den stundenlangen Strassen, von der Bewegung der Grosstadt und die kindliche Einbildungskraft staunte über diese unbekannten Bilder der Fremde. Endlich kam Mestre Miquel. Bon profit, Mestre - rief ihm Don Toni zu und ging auch selber zum Essen, an dem häufig geladene Gäste, Bekannte aus der Stadt, Generäle, höhere Beamte und andere Würdenträger theilnahmen. Nach Tisch pflegten alle der Ruhe, auch Mestre Miquel machte sein Schläfchen, aber die Mädchen des Hauses eilten auf die benachbarten Tennen und spielten in vollem Sonnenglanze mit den anderen Mädchen und unter den ersten und beliebtesten war die junge C., für welche die jungen Moragues eine wahre Vorliebe bekundeten. So ging es eine Zeit lang bis wieder die Arbeitsstunde kam, die Maulthiere wieder vor steinerne, geriefte Walzen (Carretons) gespannt wurden und Lieder mit rein arabischen Melodien ertönten, welche das rhythmische Tempo der dreschenden Maulthiere begleiteten. C. kehrte still nach Hause, machte ein kurzes Gebet vor dem Kreuze der Ruhestätte, ein anderes vor dem gothischen Kreuze am Eingange der Ortschaft und eilte dann vergnügt zur Mutter, die sie stets mit einem freundlichen Lächeln empfing.
Die Mädchen wuchsen heran.

Aber dieser Bestand sollte, wie alles Weltliche, ein Ende finden.
Mestre Miquel siechte dahin und schloss eines Tages die Augen, Don Toni brach den Schenkel und erlag schliesslich seinen Leiden. Harte Zeiten waren hereingebrochen für beide Familien. Son Moragues musste wegen darauf lastender Schulden verkauft werden und ich wurde der Besitzer. Die Witwe Mestre Miquels suchte Arbeit für ihre älteren Kinder, um thunlichst den Lebensunterhalt der Familie zu sichern. Für C., welche die empfindsamste der Töchter war und die eine wahre Anbetung für ihren Vater gehegt hatte, war der Schlag besonders hart; aber sie nahm ihn mit Ergebenheit hin und trachtete so gut als möglich der geliebten Mutter behülflich zu sein. Der alte Caleu, welcher damals meinen Weinberg nahe am Meeresstrande bebauen liess, gab ihr eine Anstellung in der Estaca als Aufseherin der dort beschäftigen Mädchen und sie erfüllte mit solcher Redlichkeit ihr Amt, dass sie sich bald beliebt machte bei Vorgesetzten und Untergebenen, die sie mehr als Schwestern wie als Abhängige behandelte und die willig und thätig bei allen Arbeiten Hand an1egte und dabei stets frohen Muthes war.

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Der Einsame Spatz.

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Wie ein feuerrother Drache ragt in die blaue Flut weit hinaus der durchlöcherte Felsen der Forodada, fast immer von der Brandung silberumrahmt. Die weite Oeffnung, durch welche der Himmel oder das Meer, je nach der Höhe, in der man es anschaut, durchblickt, sieht wie das spähende Auge desselben aus, aber unbeweglich und klippenstarr den sich über sie wälzenden Stürmen durch Jahrtausende trotzend. Die Wildheit dieser Uferscenen zu erhöhen, dient eine Felsenspalte (Bufador), in welche an Sturmestagen das Meer hineindringt und mit donnerartigem Getöse dann den Gischt hinaufträgt, welches in unheimlichem Rhythmus die Wut des Windes und das Lärmen der Brandung begleitet. Unweit vom Ende, das wie der Sporn eines Panzerschiffes ins Meer, welches hier von bedeutender Tiefe ist, vordringt, eröffnet sich eine Seehöhle, mit niedrigem, kaum merkbarem Zugang, in welche man mit einem kleinen Kahn eindringen kann und die so blaue Reflexe besitzt, wie die blaue Grotte von Capri. Hier schlürft nun leise die See und liebkost die Actinien und die korallenroten Fucusarten, welche die vom Meer benetzten Wände austapezieren – während sich etwas weiter in dem bronzefarbigen Conglomerat andere Seehöhlen eröffnen, weit ausgebuchtet, wo man an Sommertagen im Schatten mit dem Boote weilt und wo einstens die Robben, die nunmehr an diesen Küsten selten geworden sind, mit Vorliebe hausten.
Die maritime Vogelwelt hat sich diese mir gehörige Halbinsel der Forodada zum Asyl auserkoren, wo sie geschützt leben und brüten kann. Gerade oberhalb der klaffenden Höhle des Auges hat der Seeadler seinen Horst gebaut und die Höhen des Vorsprunges dienen den Silbermöven zum Aufenthalt, wo sie ihre grossen Eier legen. Die Aushöhlungen der Wände haben die Cormorane zum Nisten auserkoren und wie die Sonne sich neigt, eilen aus der ganzen Nachbarschaft Schaaren dahin, um dort die Nacht in ungestörtem Frieden zuzubringen. Wenn man am Fusse der Wände vorüberfährt, schauen sie aus ihren Gesimsen zutraulich herab, gleichsam, wie wenn sie die Schildwachen jener Felsenfesten wären, während die Puffinen in unzähligen Schaaren umherschwimmen. Aber auch andere Vögel bewohnen die Abstürze der Forodada. Die Mauerschwalben umkreisen sie zwitschernd zu Tausenden und vereinzelt der Einsame Spatz (Blaudrossel), der namentlich am Spätnachmittag seine elegische Stimme dort ertönen lässt.
Diese einsame Halbinsel ist in der That verlockend und ich wanderte häufig dahin. Eines Tages sass ich auf einem Felsen in der Nähe jener Felsenmauer und lauschte der Stimme des melodischen Vogels zu. Ich blickte hinaus auf das weite grenzenlose Meer, das die Spätnachmittagbeleuchtung wie Gold erglänzen liess. Die Abtonung des Gesanges wechselte, wie die Ergüsse eines feinfühlenden Herzens. Bald passionirt und feurig, bald langgetont und gelassen. Es war etwas eigenthümlich elegisches in der Stimme . . . Horch zu, auf einmal ertönt ein Lied:


Oh mar blava qu'es de trista
En  mirarte ploraré
Tu qu'as tret de sa meua vista
Aquell qu'era tot es meu bé.


O, blaues Meer, Wie traurig bist du,
Du, welches aus meinen Blicken
Entführtest jenen,
Der mein ganzes Gut war.

 

Die Felsenwinde, an deren Fusse die Stimme ertönte, gaben sie durch ihre Aushöhlungen verstärkt zurück; ich wurde von der Aehnlichkeit des Tonfalls des Vogels mit dem menschlichen überrascht; vielleicht mit anderen  Worten, wenn wir die Töne des Vogels Worte nennen könnten, drückten sie denselben Gedanken aus. Die Stimme schien sich zu nähern und wurde immer lauter und lauter. Ich blieb stumm, in Gedanken vertieft, bis ich nahende Schritte hörte und den Kopf hob  - es war C., welche in den Felsenritzen am Meer Salz aufklaubte, das die in denselben von den Sturmestagen verbliebene Flut hinterlässt. Wie sie mich sah, schwieg sie und kam mir lächelnd entgegen.

Die Schmuggler

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Der alte Caleu war schon gebrechlich geworden und wiewohl er noch fast täglich aus Valldemosa mit seinem zottigen, starken Esel zur Estaca hinabstieg, um dann des Abends wieder zum Orte zurückzukehren, führte schon sein erstgeborener Sohn Antoni fast das ganze Geschäft. Er war ein intelligenter, junger Mann und nahm sich der Sache auch eifrig an. Seine Frau war an die Ortschaft gewöhnt und wollte mit kleinen Kindern nicht gerne hinabsteigen und so führte C. als eine der intelligentesten und zuverlässigsten, wie wir schon erwähnten, die Aufsicht über das weibliche Personal,
das bei den zahlreichen Arbeiten, welche der ausgedehnte Weinberg erheischte, dessen Terrassen sich, wenn in eine Linie gesetzt, über 30 km. hinzogen, nöthig war. Schon vom Herbste an begann die Arbeit und zog sich fast das ganze Jahr hindurch: Das Beseitigen der Pflöcke und Losmachen der Pfahlrohrstäbe der Weindächer, das Einsammeln und Binden der gestutzten Ruten, das neue Binden der Reben an die Pflöcke nach der Behackung, das Beseitigen der am Stock aufkeimenden, unnützen Triebe, das zweite Binden, das wiederholte Schwefeln, das Bespritzen mit Schwefelsäure und Kalk, das Einsammeln des Eumolpus violaceus mittelst grosser Blechteller, in die man Petroleum
giesst, und über welchen man die Triebe schüttelt, das Beseitigen von Weinblättern, welche die Trauben zu stark beschatten und der traubenlosen Triebe und endlich bei der Weinernte das Lesen und Abschneiden und Reinigen derselben von beschädigten Körnern.
Antoni liess dies alles durch C. beaufsichtigen und beschäftigte sich mehr mit den Männern, deren auch eine grössere Zahl zur Verrichtung der schwereren Arbeiten, wie zum Beseitigen von Buschwerk und Tragen von Pfählen und Pflöcken, zum Einsetzen derselben und zweimaligen Behacken, zum Zerstreuen des Düngers u.s.w. vorhanden war. In den Ruhestunden, wenn die Sonne zu glühend war,  um zu arbeiten, pflegte häufig
Antoni, statt Siesta zu halten, im Schatten der Terrassen große Jagdbeutel aus starkem Faden, der wiederholt geknotet werden musste, um hübsche Dessins zu ergeben, anzufertigen, eine zeitraubende Arbeit, die ihm aber gestattete, sein spähendes Auge in der Zwischenzeit über das Meer schweifen zu lassen – wir werden später sehen zu welchem Zwecke. Manchmal kamen auch die Weiber in frohem Geplauder zum Hause und da Antoni die Guitarre gut spielte und heitere Weisen zu singen verstand, wurde auf der schattigen Seite der Söller, bei Castagnettenklang ein Fandango oder eine Jota improvisirt, bis wieder die Arbeitsstunde heranrückte und die Weiber paarweise, noch die Coblas
wiederholend, sich über den grünenden Weinberg zerstreuten – aber keine entging dem scharfen Blick von C., die spähend von einer Terrasse zur anderen wanderte.
Der Schmuggelhandel war von jeher auf Mallorca, wo man keinen klaren Begriff von der Verwerflichkeit desselben besitzt, bedeutend. Man betrieb ihn früher vorzugsweise mit Stoffen und anderen Waren aus Gibraltar und Südfrankreich, jetzt beschränkt er sich gänzlich auf den Tabak aus Algier, der seiner Billigkeit wegen im Vergleiche zu dem wohl viel besseren, aber teueren spanischen bei der Landbevölkerung vornehmlich beliebt ist. Er wird dort unverhohlen aufgeladen; wohl gibt der dortige spanische Consul von
der Abfahrt des Falucho telegraphische Kunde, nur weiss er nicht, nach welchem Punkte derselbe sich wenden wird.
Manchmal ist dieser Schmuggelhandel mit Gefahr verbunden. Auf der zur Winterszeit zuweilen sehr stürmischen nordafrikanischen Küste plötzlich vom Unwetter überrascht, wird das kleine Boot ein Spielzeug der Wellen und in der Absicht, Rettung zu suchen, zerschellt es mitunter auf den zahlreichen, bei der Küste vorhandenen Riffen. So erinnere ich mich, dass eines Tages, als ich in Bougie weilte, ein mallorquinisches Schmugglerboot am benachbarten Ufer sein unheilvolles Ende gefunden hatte, wobei auch zwei seiner vier Männer um das Leben kamen.

Manchmal werden auch Pferde aus Algerien eingeschmuggelt, für welche sonst eine bedeutende Steuer zu entrichten wäre, damit die heimische Pferdezucht prosperire. Ich erinnere mich von einem mir bekannten Schmuggler eine schaudererregende Schilderung einer solchen Fahrt vernommen zu haben. Si hatten den Pferden nach Sitte der Araber wie einem Lamm die Füße zusammengebunden und die Thiere im Grunde des grossen Falucho flach hingelegt. Der Patron sass am Steuer, während seine Söhne nach dem Horizont auslugten.
Auf einmal kommt ein Segel in Sicht; es ist ein Finanzboot der Regierung, eine Escampavia, die den Schmuggelhandel unterdrücken hilft. „Mehr Segel!“ ruft der Patron und trotz des frischen Windes werden die Reffe der Segel losgelöst und rasch jagt der Falucho über die schäumende Flut. Aber auch die Escampavia vermehrt ihre Schnelligkeit und ihrer angehofften Beute gewahr, steuert sie hartnäckig auf dieselbe los. Der Wind nahm zu. Wird der Falucho genommen, dann ist alles verloren, Boot und Ladung. Das Boot wird gewöhnlich, wenn nicht als Escampavia verwendbar, gleich verbrannt, damit es nicht wieder zu Schmuggelzwecken diene; die Männer büssen mit Geld oder Kerkerstrafe. Man musste also trachten zu entkommen. Die Wogen wuchsen schon mächtig und wälzten sich auf das beladene Schiff. „Die

Pferde opfern“! rief der Vater. Dies war aber keine leichte Aufgabe; sie loszumachen, wäre gefährlich gewesen; man zerstückelte sie also lebend und ihr Stöhnen mischte sich mit dem Pfeifen des Windes und die blutgerötete Flut wälzte sich über das nahezu sinkende Fahrzeug. Stück auf Stück folgt über Bord, bis das Boot erleichtert, pfeilschnell dahinschiesst und Vorsprung vor der Escampavia gewinnt, welche die Jagd aufgibt und endlich gegen die spanische Küste einbiegt. Es dämmerte – das Boot war gerettet.
Der Schmuggelhandel wird an der mallorquinischen Küste insbesondere von den dortigen Fischern betrieben, die schon in ihrem Gewerbe gute Ausrede finden, um überall sich der Küste zu nähern und spähend oder scheinbar fischend Stunden um Stunden draussen am Meere zuzubringen. Wiewohl dies gesetzlich verboten, ziehen fast jeden Abend, wenn das Meer ruhig ist, die Fischer der Estaca und des Port de Valldemosa hinaus, um zu fischen. Die Carabineros, die darauf schauen sollten, dass das Gesetz eingehalten werde, sind arme Leute, meistens mit zahlreicher Familie; sie werden von den Fischern, wenn diese zurückkehren, mit einem Theil ihrer Beute beschenkt und drücken gern ein Auge zu, ja wenn nöthig, die beiden. Was aber erforderlich, ist nicht bloss abends hinausfahren zu können, sondern man muss auch Leute am Lande haben, die einen unterstützen, um die am
Ufer abgeladenen Säcke gleich hinaufschaffen zu können, um sie in sicheren Schlupfwinkeln zu verbergen.
Es ist unglaublich, wie die ganze Landbevölklerung bei diesem Geschäfte connivent ist, von dem Höchsten bis zum Niedrigsten. Leute, die sich ein Gewissen daraus machen würden, einen fremden Strohhalm anzurühren, machen sich nichts daraus, den Schmuggelhandel zu fördern. Je weniger besucht die Küste ist, je vereinzelter die Häuser stehen, desto leichter wird, wie begreiflich, die Aufgabe und die Estaca mit den umliegenden Waldungen und verschiedenen, nur den Schmugglern bekannten Höhlen bietet einen besonders günstigen Boden.

Antoni Caleu hatte sich – wie die Andern von der Küste – in diesen Handel eingelassen; die zahlreichen Arbeiter, die unter ihm standen und die man nur bei hereinbrechender Dunkelheit an diese oder jene Stelle zu schicken hatte, waren jeden Tag bereit.
Die Arbeit des Knotenmachens gestattete ihm während des Tages in Musse den Horizont zu beaobachten; war der erwartete Falucho in Sicht, der sich durch geheime Zeichen wie das Reffen des Segels, durch das höhere oder niedrige Hissen desselben kenntlich machte, so braucht man nur die Fischer zu benachrichtigen; diese fuhren bei hereinbrechender Dunkelheit hinaus, verluden die Ladung in kleinen Partien in ihre Barken und
scheinbar Netze legend, schifften sie selbe an einem geeigneten Platze der Küste aus und dort standen schon Männer bereit, um sie hinaufzutragen und zu verbergen
Die Schmuggler haben ihre geheimen Zeichen. Während des Tages ein Rauch auf weitsichtbarer Höhe, während der Nacht ein Feuer – sind senyas de brut, d.h. dass die Küste bewacht ist; da zieht der Falucho hinaus und versucht die Landung an einer anderen gleichfalls verabredeten Stelle, deren sie immer drei oder vier vorausbestimmen. Mislingt sie an einer Seite, so versucht man sie an einer anderen.
Auch auf den Wegen haben die Träger ihre Zeichen; ein Zweig, ein Blatt, auf einem bestimmten Platz mit einem Stein beschwert, bedeutet, dass sie an der Stelle vorübergegangen sind, oder dass sie sich an derselben einfinden sollen und diese stumme Sprache durch bekannte Zeichen, ob das Blatt zur Rechten oder Linken, oder ob es von diesem oder jenem Baum war, ist ziemlich reichhaltig und so verständigten sie sich nach Stunden, ja nach Tagen.
Der Erwer war gross und sicher in der Estace und man wurde immer kühner. Ein grtosses Tabakdepot wurde einmal in den Keller gebracht und von den Männern im Angesichte der Carabineros die in Körbe gesetzten Pakete, oben mit Trauben zugedeckt, zu einem sicheren Schlupfwinkel weggetragen. Ein andermal legt man die Pakete
auf die Era (Tenne) von Son Masroig und deckt sie mit Stroh zu. Manchmal waren die höheren Beamten damit einverstanden, die ein Geschenk oder einen Antheil am Gewinne erhielten. Ich weiss von einem sonderbaren Fall in dieser Art. Die Landung fand im Port del Canonge statt. Da lud man auf dem benachbarten Fahrweg die Säcke auf Karren, welche von den Carabineros escortirt wurden. Sollte man gesehen werden, so hatten sie den Schmuggel festgenommen, d.h. sie sollten so aussagen; wurde man nicht gesehen, so warteten an einer bestimmten Stelle die Männer, um die Säcke wegzutragen und zu verbergen.
Die Sache lief glatt ab – die Carabineros hatten ihren Gewinn und die Schmuggler den ihrigen auch.
     Ein in Valldemosa detachirter Officir der Carabineros war aber besonders pflichteifrig und hatte mehrmals Säcke im Wald ertappt, die sie tragenden Männer waren aber jedes Mal verschwunden. Eines Tages kam er zu mir und sagte, dass eine grosse Menge von Tabaksäcken in der Estaca verborgen sei. Er könne aber nicht eruieren, wo es war und er ersuchte mich, energisch dahin zu wirken, dass sich dies nicht wiederhole. Selbstverständlich wollte ich nicht als Connivent der Schmuggler gelten und ich rief Antoni Caleu und sagt ihm, dass die Sache aufgedeckt werden müsse, oder er würde sonst gleich entlassen werden und für immer seine Stellung verlieren.
Würde er nicht gestehen, wo es war, würde ich ihn in Gewahrsam bringen lassen. Die Drohung hatte ihre Wirkung. Antoni gestand, das ganze in einer mir unbekannten Höhle, gerade unterhalb der Strasse, wo ich immer spazieren ging, verborgen zu haben und versprach heiligst, es nie mehr thun zu wollen, wenn ich ihm nur verzeihe, was ich auch gerne that. Ich liess durch die Carabineros die Säcke, deren über vierzig waren, beseitigen. Es war ein Triumph für den Officier, der von seinem Vorgesetzten eine grosse Belobung erhielt und ich glaubte der Sache ein Hemmnis gesetzt zu haben. Antoni war aber traurig, nicht so sehr um die verlorene Möglichkeit guter Gewinnste, sondern namentlich wegen der Gefahr, die ihm drohte. Seine Genossen hatten ihm Rache geschworen wegen seines Verrathes. Eines Tages kam er nicht zur Estaca – abends hatten sie ihn überfallen und so übel zugerichtet, dass er wochenlang das Bett hüten musste. Wie er wieder hergestellt war, kam er zu mir, mit der Bitte, ihm zu gestatten, wegzuziehen. Ich machte ihm alle möglichen Vorstellungen – aber es half nichts. Sein Entschluss war ein fester; sein Leben war sonst stets bedroht.

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Sonnige Tage

C. wurde zur Leiterin; sie hatte schon seit Jahren die Aufsicht über die Weiber geübt; es war für sie eine leichte Aufgabe, sie auch über die Männer zu gewinnen. Sie verschaffte sich durch ihre Gerechtigkeit und ihr humanes Gebaren bald die Achtung Aller. Sie that auch ihr Möglichstes, die Leute zu schonen. War der Tag windig, so suchte sie geschützte Pltze auf, wo die Arbeiter besser ihre Arbeit verrichten konnten. War es regnerische Zeit, so fanden sie in den verschiedenen Hütten, kleinen, im Weinberg zerstreuten Häuschen früherer Besitzer ein Obdach und wie der Regen aufhörte,
rief sie Alle wieder zur Arbeit, damit sie nicht den ganzen oder halben Taglohn verlieren, sondern doch wenigstens einen kleinen Theil des Verdienstes retten. Es war ihr überhaupt darum zu thun, dass die Arbeit gut und rasch vollendet werde und da pflegte sie sowohl den Arbeiterinnen wie den Männern, wenn sie sah, dass man dadurch ihren Eifer anstacheln konnte, die Arbeiten in „tasca“ zu geben, wodurch sie bald vollendet wurden und die Leute bis zum halben Nachmittag anstatt am Abend fertig wurden und vergnügt nach Hause zogen.
Mit den Arbeiterinnen bildete sie sozusagen eine Familie. Alle liebten und achteten sie. Der Taglohn wurde erhöht; ein jeder schätzte sich glücklich, trotz des langen Aufstieges, der zur Ortschaft zurückführte, dort arbeiten zu können. Die Weinberge erhielten eine besondere Pflege; die Feinde derselben wurden durch alle modernen Mittel bekämpft. Alles blühte auf. Geschickte Winzer aus Bañalbufar leiteten die Weinbereitung und die Keller füllten sich mit trefflichem Malvasier und Muscatwein. Häufig kamen Leute um ein Fläschchen für Kranke oder nach dortiger Sitte zum Abwaschen des Kopfes neugeborener Kinder und keiner pochte umsonst an C.’s gutes Herz und erhielt, was er brauchte. „Was man Hilfsbedürftigen gibt, vergilt Gott tausendfach“ pflegte sie immer zu sagen und war erfreut über die gute That. Diese Liebe zu anderen Mitmenschen besass C. natürlich in noch höherem Maasse für die eigenen Verwandten: sie hegte für ihre Mutter die zärtlichste Anhänglichkeit und auch den Schwestern trachtete sie durch Anstellungen am Weinberg möglichst zu helfen. Der ältere Bruder nahm die Stelle des Vaters, des Mestre Miquel ein und bereitete recht geschickt allerhand Möbel; der zweitgeborene Bruder lernte von den Winzern aus Bañalbufar das Stutzen der Rebe und die Weinbereitung.
Es waren sonnige Tage für die Estaca; die einst verlassene Marina war wieder aufgelebt, dort, wo dorniges Buschwerk inmitten halbzerfallener Terrassen gewuchert hatte, standen weinbeladene, sorgfältig gepflegte Rebendächer. Wege führten überall hin. Ein Fahrweg leitete zum Meere und bis zur Halbinsel der Forodada und von da hoch hinauf nach Son Masroig. Durch Bleiröhren wurde die kühle Quelle, die Font des poll, von der Höhe herabgeleitet und in einem hohen Springbrunnen  sprudelte sie auf, neben dem Hause Kühle verbreitend und zog weitergeleitet bis zu den Hütten der Fischer bei der kleinen Cala de Estaca, um welche sie sich gleichsam wie Napfschnecken dem Felsen anschmiegen.  Das Zimmer unterhalb der nach Westen schauenden Terrasse wurde als Capelle hergerichtet und zur grossen Freude C.’s die erste Messe unter Beisein aller Arbeiter dort gelesen. Seit der Zeit wurde dort häufig das heilige Messopfer abgehalten und kein Tag verstrich, ohne dass C. in der stillen Capelle ein inbrünstiges Gebet verrichtet hätte, bevor die Sonne zur Rüste ging. So paarte sich die Arbeit mit dem Gebet und dieses bildete immer den Abschluss des Arbeitstages.
Die Weinlese war wie überall, wo die Rebe ihre Früchte spendet, eine Gelegenheit zum Feste; aber in der Estaca war es kein verlängertes Fest; zuerst kamen die Muscattrauben und je nach der Lage wurden sie mehr oder minder frühzeitig reif; dann reihten sich die Malvasiërtrauben aus den Pergole an und zum Schlusse die grossen Calops Moscatells zum Essen und zum Aufbewahren. In grossen, aus Pfahlrohr geflochtenen Körben wurden die Trauben zum Kelter gebracht, gereinigt, sorgfältig gepresst und dann der Most in die Bottiche gefüllt. Es war eine langdauernde Arbeit, welche C.’s volle Aufmerksamkeit auf sich zog und immer auf das genaueste ausgeführt wurde. Schliesslich war der Most von einem Fass zum andern zu wechseln und der Mostsatz zu beseitigen, den die Leute aus Bañalbufar wegzutragen pflegten, nachdem sie ihn gut in langen dütenartigen Filzsäckchen hatten abfliessen lassen, wodurch noch feuriger Wein gewonnen wurde.
So flossen die Tage ruhig dahin, bis ein Ereignis die Ruhe der Estaca störte. Es war ein sonniger Nachmittag. Ich befand mich hoch oben in den oberen Abhängen und plötzlich rief man mich; es sei Feuer im Walde ausgebrochen. Ich traf gleich Dispositionen, um thunlichst viele Leute zu avisiren und nachdem ich mich von einer der die unteren Lehnen beherrschenden Warten aus überzeugt hatte, wo das Feuer war, fuhr ich zur Barrerra de Sa Marina, von wo der Weg zur Estaca hinableitet. Ich ging eiligen Schrittes hinab, als ich plötzlich noch eiligere Schritte hinter mir vernahm: es waren die guten Einsiedler, mit Hacken bewaffnet, die auch zu Hilfe kamen. Die wackeren Leute hatten alles stehn gelassen, um eiligst zu helfen. Wie wir unten ankamen, fand ich C. feuerroth von der Glut des Brandes. Sie war aber mit all ihren Leuten, die sie schleunigst versammelt hatte, Herrin des Feuers geworden, das nur mehr spärlich in kleinen, bewachten Häufchen brannte. Es war dies ein Triumph für die gute Seele. Aber ein Auge war ihr dabei durch die Glut des Feuers ganz geröthet worden und sie hatte über drei Monate daran zu leiden. War es Zufall oder Absicht, war es eine senya de brut der Schmuggler, die sich verbreitet hatte? Ein Häufchen angesammelter Asche sprach für die Absicht, aber C.’s gutes Herz konnte es nicht zugeben. Sie konnte nicht begreifen, dass Menschen Böses wollten, und es that ihr doppelt weh, wenn sie sich manchmal davon überzeugen musste.

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Die Einsiedler

Es dämmerte in der Estaca. Alles war ruhig, kein Hauch liess sich verspüren und der würzige Harzgeruch der Kiefern schien aus dem oberen Walde herabzusteigen. Im Osten war es klarer geworden, es kamen die Vorboten der Morgendämmerung. Das Meer, spiegelglatt, schien mit dem Horizont zu verschwimmen und man wusste nicht in diesem Zwielicht, wo jener anfing. Einige weisse Wölkchen hingen um die Höhen und verschleierten die steilen rostfarbigen Wände, die aus dem tiefen Grün des Waldes emporstiegen. Andere hingen gleichsam über dem Meere, leicht aufgestapelte Haufwolken wie Ballen von Baumwolle. Horch zu! Ein Gemurmel, das immer lauter wird: Fiat voluntas tua sicut in coelo et in terra, ertönt es jedes Mal bei einer Windung des Weges und wie ein Echo wiederholt sich dies bei jeder Biegung. Es sind die Einsiedler, die von ihrer Höhe herabsteigen, um Seefenchel zu sammeln, der massenhaft in den Felsritzen nahe am Meere wächst und den sie mit Kappern gemischt in Essig einlegen, eine treffliche Zuspeise namentlich zum Fleische, die sie den besuchenden Fremden gern anbieten, in der Hoffnung, ein Almosen zu bekommen.
Schon im 16. und 17. Jahrhundert hatten die Einsiedler im benachbarten immergrünen Eichenwalde oberhalb Miramars Zellen aufgeführt und ihre Ruinen, die stummen Zeugen ihrer Busse, sind noch dort zu sehen. Eine der jüngsten hat sich erhalten; sie ist gleich der Kirche von Miramar der Dreifaltigkeit geweiht und hier wohnen noch Einsiedler, welche die Aufhebung der Klöster in Spanien, dank ihrer Armut, verschonte. Einfache, gutmütige, fromme Leute, welche das Volk liebt und verehrt. Sie bearbeiten den Boden und die Arbeit wechselt bei ihnen mit dem Gebet. Aehnlich wie die Kiefern jener Höhen, denen der Sturmwind die Kronen abriss, deren Stamm aber noch aus den Felswänden emporragt und nunmehr jedem Winde unbeweglich trotzt, so bleiben sie bei allen Wechselfällen des Lebens ruhige, stille Zeugen von dem, was geschieht, den Gedanken nur nach oben gerichtet und schon bei Lebzeiten mit der Seele halb im Himmel weilend. Es waren früher lauter Laienbrüder; einer derselben, ein intelligenter junger Mann aus Manacor, einstens ein Maurer, studirte fleissig, sodass er schliesslich Geistlicher werden konnte; sicher ein Schiffbrüchiger des Herzens, der in Arbeit und Gebet Trost und Ruhe gefunden hat. Er hatte vieles in der Einsiedelei, namentlich in der Kirche ausgebessert und verziert, Stunden um Stunden brachte er dort zu und ähnlich wie Frau Angelico arbeitete und betete er zugleich. Manchmal sah ich ihn kniend auf hoher Staffelei den Chorgebeten der anderen antworten. Es war eine verklärte Gestalt und wenn er sich zum Harmonium setzte, wusste er dem Instrument wahrlich himmlische Melodien zu entlocken.
C. War mit ihm besonders vertraut, sie schätzte seine Tugend und sein freundliches Lächeln war ihr ein willkommener Gruss. An diesem Tage befand er sich unter den Herabsteigenden. Diese gingen an der Estaca vorüber und vertheilten sich an verschiedenen Stellen des Felsenufers, um den Seefenchel zu sammeln und der mit der emporsteigenden Sonne kommende östliche Hauch trug das Gemurmel ihres Gebetes empor. Ich blieb sinnend und verstummt und dachte an das Leben dieser Menschen, die alles opfern, um Gutes zu thun und sehnsuchtsvoll den glücklichen Tag des Hinüberwanderns in eine glücklichere Welt erwarten. Als ich am Nachmittag C. sah, frug ich sie, ob sie die Einsiedler gehört hätte. Sie verneinte dies, sagte aber, sie hätte vom Himmel geträumt. War es vielleicht eine Ahnung?
Früher befand sich oben in der Einsiedelei auch das Gefängnis für die Geistlichen der Diöcese: ein kleines efeuumranktes Häuschen unterhalb der Warte, von der man eine herrliche Aussicht auf die Umgebung geniesst. Glücklicherweise kommt diese Nothwendigkeit nicht mehr vor, nur selten zieht sich ein Geistlicher in beschaulicher Zurückgezogenheit in die Einsiedelei zurück, und das Häuschen wurde zu Wirthschaftszwecken verwendet, denn die Einsiedler haben dort alles zu ihrem Bedarf Nöthige. Tischler-, Schuster- und Schneiderarbeiten werden dort verrichtet und nebenbei der Gemüsegarten gepflegt, der ihnen bei ihrer Nüchternheit die nöthigen Lebensmittel gewährt; sie haben auch eine Blutmühle, wo sie den Weizen, den sie einernten oder den man ihnen schenkt, zu mahlen pflegen; sie essen nie Fleisch, halten Silentium bei Tisch und einer von ihnen liest während der Mahlzeit von dem Leben der Heiligen aus alten Büchern ihrer kleinen Bibliothek vor. Benöthigen sie etwas, so dürfen sie nicht sprechen; durch das einmalige oder zweimalige Stossen des Messergriffes auf den Tisch verlangen sie Wasser oder Brot. Sie haben einfache Zellen, wo nur eine Decke auf Holzplanken ihr Lager bildet, in den meisten ist ein Todtenschädel zu finden; gewöhnlich von einem ihrer Vorgänger stammend, mit einer entsprechenden Inschrift darunter. Auf einer las ich folgende Verse in castillanischer Sprache:


Tu que me miras a mi
Y me ves tan triste y feo
Piensa que cual te ves yo me vi
Y cual me ves yo te veo.

Du, der du mich anschaust
Und mich so traurig und garstig siehst,
Bedenke, dass wie du jetzt ausschaust
Ich mich sah,
Und wie du mich jetzt ansiehst, ich dich sehe.

Der Superior von ihnen, ein Mann mit klugem Kopfe, war aus Demut lange Zeit zugleich der
Koch. Der Ermitá Bernat zeichnete sich unter ihnen als ein besonders freundlicher Mensch aus, er war sozusagen der Fremdenführer, immer heiter, immer zufrieden; nun ruht er in einer kleinen benachbarten Ruhestätte. Der Ermitá Simeo war dagegen von fast ekstatischer Askese. Den sie besuchenden Fremden pflegen sie frischen Trunk aus ihrer eiskühlen Cisterne, Cactusfeigen oder Oliven anzubieten und das thun sie mit einer Grazie, dass ein jeder zufrieden und erbaut bleibt.

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Die Ausstellung in Barcelona

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C. war nie am Festlande gewesen. Sie hatte wohl einige Monate auf Menorca zugebracht, wo sie sich allgemein beliebt gemacht hatte. Sa Nina, ein Diminutivum von Catalina, mit dem man sie dort nannte, wollte ein jeder zur Bekannten haben. Sie hatte die schönen Weinberge von San Luis gesehen und sowohl daselbst wie in Mahon und Ciudadela gewohnt. Da kam die grosse, von Ruis y Taulet, dem thätigen Bürgermeister von Barcelona wesentlich geförderte Ausstellung. Die Königin-Regentin sollte sie besuchen: Lauter Dinge, welche C.’s Interesse erweckten. Ich willfahrte gern ihrem
Wunsche dorthin zu ziehen und mit einigen Freundinen besuchte sie die Ausstellung. Wie gross war ihre Genugthuung, den schon vorher in Paris und Madrid prämiirten Wein der Estaca, das Ergebnis ihrer jahrelangen Pflege und Mühe, auch dort prämiirt zu sehen. Es war so zu sagen ihre jahrelange Geduld, die ein glänzendes Resultat erzielt hatte und dabei war sie so bescheiden und fügte nur hinzu: Gott müssen wir danken, weil er gestattet hat, dass es gelungen ist.
Die Ausstellung hatte ihr einen Einblick in die äussere Welt eröffnet und ihre Wissbegierde und der Wunsch sich mehr und mehr auszubilden, trat in ihr lebhafter auf. Sie gab sich hierin auch alle Mühe; ein schönes Buch war ihr das liebste Geschenk, aber ihr Herz war so feinfühlend, dass sie nicht Bücher lesen mochte, die rühren, wiewohl sie ihr so gefielen und fand sie solche Bücher, so brachte sie selbe unter Verschluss. Bücher, die weinen lassen, sagte sie, brauchen wir nicht, es gibt genug gerechtfertigte Thränen auf Erden. Sie las viel und liess sich mit Vergnügen aus anderen Sprachen übersetzen. Sie übte sich auch gern im Schreiben und bald hatte sie auch ihre anfangs etwas eckige Schrift in ein hübsches Ronde umgewandelt. Sie besass ein außerordentliches Gedächtnis und der Schatz an Volksliedern, die sie kannte, war ein ungewöhnlich grosser. Manchmal, wenn sie allein war, liess sie ihre helle Stimme weit ertönen, die nicht selten die im Weinberge zerstreuten Arbeiterinnen von ferne begleiteten.
Was C. am meisten rügte, war der Hochmut. Dante setzte diese Eigenschaft als Centrum der Hölle und sie betrachtete sie auch als die verderblichste Seite der Menschen. Manchmal, wenn ich ihr irgend einen Brief oder eine günstige Recension über eine meiner Arbeiten vorlas, sagte sie: Mache Sie das nur nicht stolz; alles das ist nichts, alles ist nur Gnade Gottes und Sie müssen umso demütiger werden, sonst stürzen Sie, ohne es zu merken, ins Verderben. Jedes Lob kann eine Quelle des Verderbens für die Menschen werden, wenn sie nicht das Erzielte nur der Gnade Gottes zuschreiben – und den Kopf schüttelnd ging sie weg, bei sich wiederholend: „Vanaglori, vanaglori, d’aquest mon que es tu“ und fürwahr, sie hatte Recht. Gerade diese Eigenschaft machte sie bei allen Leuten, namentlich bei den Aermeren und Untergebenen, so beliebt. Sie benützte ihre Stellung nur um zu helfen und Gutes zu thun.

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Catalina’s Neigungen
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C. liebte unendlich das Meer und gerne machte sie Bootsfahrten mit zwei Booten, welche der Estaca angehörten und am Strande derselben am Fusse der kleinen Cala unterhalb starker Kiefernstämme, die sie nicht blos von der Sonne, sondern auch vor  den mitunter von den Felswänden herabstürzenden Felsblöcken schützten, aufgezogen lagen. Ein alter Fischer, Namens Gozzo, hatte dieselben in Obhut und sorgte dafür, dass sie dann und wann, wenn unbenützt, genetzt wurden, damit sie die Trockenheit nicht springen mache. Gozzo war ein freundlicher, alter Mann und hegte für C. eine besondere An-
hänglichkeit, da sie ihm eine leichte, seinem Alter entsprechende Arbeit in der Estaca verschafft hatte. Ueberhaupt war C. den dortigen Fischern eine Wohlthäterin, denn an Tagen, wo die See bewegt war und sie nicht hinausfahren konnten, da man, um aus der engen Cala der Estaca hinauszukommen, ganz ruhiges Wetter benöthigt, verschafft sie denselben Arbeit in den Weinbergen und so hatten sie die ganze Woche, wenn nicht gerade anhaltender Regen es verhinderte, ihren Taglohn gesichert.
Häufig fuhr C. nach der wilden Forodada, wo Gozzo grosse Angeln gelegt hatte, um riesige Enfosos zu fangen oder nach dem Port de Valldemosa zu den anderen Fischern oder nach Sa Cova, wo ein mir auch gehöriger, durch eine der ergiebigsten Quellen der Insel berieselter Orangengarten dicht am Meeresufer liegt. Bisweilen machte das grössere  der Boote Fahrten nach Bañalbufar, um dortige Weinruten oder Pfahlrohr für die Rebendächer zu holen. Dann fuhr aber meistens der jüngere Bruder  C’s Miquel hin und sie leitete das Hinauftragen der gebrachten Sachen. Ja, manchmal fuhr das Boot bis zu den Dolsos oder Soller zu ähnlichen Zwecken.
C’s Liebe für die Hunde war eine besonders grosse. Siria, die alte Stammutter, ein prachtvolles Thier aus den aragonesischen Pyrenäen, war ihr Liebling nebst den vier ersten Sprösslingen, welch letztere eine riesige Höhe erreicht hatten. Gern nahm sie selbe auf ihren Spaziergängen mit bis zu Playa des Guix, wohin der Fahrweg führte, um sie dort schwimmen zu lassen, was die Thiere mit Vorliebe thaten.
Die Vogelwelt war in der Estaca besonders zutraulich, die Amseln kamen bis in die Eingangshalle hinein um das eine oder andere Stückchen Futter aufzuklauben. Die Schwalben setzten sich gleich bei ihrer Ankunft auf die Balcongeländer der Zimmer und allerhand Vögelchen zwitscherten im Geäste der benachbarten Kiefern, oder wenn der Wind stark wehte, auf den Terrassen im Schutze des Hauses. Namentlich, wenn der Nordost mit ungestümer Kraft dem milden Südwest zur Winterszeit folgte, war es eine Senkung des Bodens, eine Art Thälchen, unweit der Estaca, wo im Schatten riesiger, weit ausgebreiteter Johannisbrotbäume sich die Arbeiterinnen zu versammeln pflegten, das Plätzchen, welches die Vöglein zum beliebten Stelldichein aufsuchten; Rothkehlchen und Rothschwänzchen sowie andere Singvögel waren da in Fülle zu sehen. Dort, weil vollkommen im Schutz, schien ewiges Frühjahr zu herrschen. Die Rosen entfalteten sich voll Duft im strengen Winter und mischten ihren Geruch mit jenem der Orangen- und Mandarinenbäume, die dort wuchsen. Sobald die Witterung wärmer zu werden begann und die fliegenden Fische über der ruhigen Meeresoberfläche dahinschossen, mitunter in sehr langem Fluge, da pflegte C. bisweilen weit, weit hinaus aufs Meer hinauszufahren, bis dahin, wo man die Llampugas (Lampreten) fängt, welche sich gerne im Schatten grosser Korkhölzer, die man zu diesem Zweck schwimmend aufstellt, verbergen und die man dann mit einem Netz einfängt. Da blickt man gerne, mit innerer Genugthuung zurück auf die grünenden Weingelände der Estaca, welche vom tiefen Grün des Waldes sich abhoben. Manchmal zogen die riesigen Cachalots vorbei (Peix Mulá, wie man sie dort nennt), die sich jedes Jahr, fast an zwei Wochen lang in jenen Gewässern aufzuhalten pflegen und ihre Wassersäule hoch hinaufsenden. Einmal sollen sie sogar, das Wasser mit ihrem Schweif peitschend, ein Boot bei Bañalbufar umgeworfen haben, dessen Insassen mit dem Schrecken davonkamen.
Wie jedes feinfühlende Herz war C. für jegliche Schönheit der Natur besonders empfänglich. Eine schöne Landschaft versetzte sie in Bewunderung, eine Baumgruppe, ein Felsen entzückte sie, und welch richtiges Urteil war ihr eigen! Sie irrte nie in der Wahl des richtigen Standpunktes zur Aufnahme oder in der Beurtheilung eines Kunstwerkes: Aber die menschlichen Werke übten auf sie nicht jene Wirkung, wie die Phantasmagorien der Natur: die grossartigen Landschaftsscenerien, die wunderbaren Lichteffecte, an denen sie sich nicht satt sehen konnte. Jeden Tag ging sie den Sonnenuntergang zu schauen, der sich von der Estaca aus so wunderbar darbietet und war erfreut, wenn er schön und klar war, ein verlässlicher Vorbote schönen Wetters. Menschliche Werke schienen immer nur ein Bild menschlicher Vergänglichkeit zu sein – und sie hatte recht darin.
C. hatte zwei Lieblingsbäume: eine Kiefer, welche am Saume der Weinberge aufgewachsen war und die ihre Wurzeln in den durch immerwährende Bearbeitung gelockerten und durch Düngung bereicherten Boden breit hineingeschlagen hatte und allmählich zu einem grossen Baume emporgewachsen war. Ferner eine Bellombra in der Nähe des Taubenschlages, die bei dem raschen Wachsthum ihrer Art sich riesig entwickelt hatte. Ein Sturm brach sie im Laufe des letztvergangenen Winters nieder und ich erinnere mich an den daraufbezüglichen kurzen, aber trauererfüllten Brief von C. Die Kiefer widerstand dem Sturm und ihre Aeste, durch die der Orkan wehte, schienen ein Klagelied zu erheben.
Der Menschenzufluss nahm beständig zu. Aus dem Mirador de ses Pitas erscheinen die Weinberge der Estaca, die an 400 Meter tiefer liegen, so nah, dass der Blick viele Besucher hinablockte, welche nicht an den langen, mühsamen Aufstieg dachten. Alle fanden die freund-
lichste Aufnahme; wenn C. den kommenden Gruppen alles gezeigt und ihnen auch Becher des feurigen Malvaisers kredenzt hatte, frugen wohl auch die Leute, ob man mit C. sprechen könnte; so schlicht und bescheiden war sie, dass man sie nicht erkannt hatte, und da lächelte sie freundlich, bis da Geheimnis gelöst war und dann fanden die Leute nicht genug Worte des Dankes. Sicher ging nie jemand von der Estaca unzufrieden weg, denn immer fand er gleich gute Aufnahme, ohne Rücksicht, ob er reich oder arm, ob er aus dem Lande oder ein Fremder war, denn in C. herrschte das echte Gefühl wahrer Menschenliebe. Wie vieles wäre anders auf Erden, wenn Alle von ähnlichen Gefühlen beseelt wären, wie es jeder wahre Christ sein sollte. Auch die Kaiserin kam während ihres zweiten Besuches auf Mallorca zur Estaca. Die hehre Gestalt überraschte C. Es war nicht die hohe Stellung, es war dieses milde Lächeln, das jeden fesselte, der sie ansah. Die beiden Frauen sprachen miteinander, wie wenn sie sich seit jeher gekannt hätten, denn in beiden war das menschliche Gefühl gleich wach. Die Sonne sank am Horizont und wie Gold schimmerte das Meer und umgab gleich einer Glorie beide Gestalten. Es war wie eine Transfiguration. Wer hätte damals geahnt, dass diese irdische Verklärung in wenigen Jahren für beide sich in eine himmlische verwandeln sollte.

Am heiligen Grabe
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Der Wunsch sich auszubilden, anderes zu sehen, trieb sie zu verschiedenen Reisen, aus denen sie reichliche Schätze von Kenntnissen schöpfte. Sie freute sich so sehr  etwas zu sehen, sie nahm so lebhaftes Interesse an allem, dass es eine Freude war, ihr etwas zu zeigen. Und alles, was sie lernte und sah, war ein Schatz, den sie für ihre liebe Estaca, auf die ihr ganzes Denken gerichtet war, verwerthen konnte. C’s grosser Wunsch war aber, das heilige Land zu besuchen und sie erfüllte ihr frommes Vorhaben.  Ich sehe sie noch kniend am heiligen Grabe, die Augen unverwandt auf die heilige Stätte gerichtet. Ueberall ein Getöse in allen Sprachen, die Verrichtung des Cultus verschiedener christlicher Gruppen, hier Griechen, dort Kopten, dort Syrier. Dieses Getöse betender Stimmen in verschiedenen Sprachen, welche störend auf manchen hätte wirken können, war für C. nur erhebend. Es klang ihr wie eine Symphonie aller Glaubensbekenntnisse, die sich vor dem heiligen Grabe beugten, weil sie eben den wahren Geist der Andacht besass, weil sie wirklich das alles fühlte, weil sie wirklich durchdrungen war von der Poesie des christlichen Glaubens. Und ihre Andacht an dieser heiligen Stätte war sicher eine doppelt gottgefällige und sie wirkte wie wohlthuender Thau auf ihre feinfühlende Seele.

Es waren böse Zeiten über mich hereingebrochen. Ich stand rathlos da, C. sehnte sich nach der lieben Estaca zurück. Wir waren in Venedig, es war abends; die Salute graugehüllt, glänzte blass im Mondlicht. C. fuhr ab. Noch scheint es mir, als fühlte ich ihren Händedruck – es sollte der letzte sein. Einige Tage darauf wanderten wir zur Riviera. Ich suchte im Gebet und in der Arbeit neue Kraft, aber der Gram hatte sein Werk verrichtet. Ich erkrankte und während der ganzen Zeit schwebte mir vor den Augen das weisse Haus der Estaca inmitten tiefer Bläue und von demselben getrennt, wie es umrahmend, vier Säulen seines Söllers. Ich genas. Waren es C.’s stille Gebete, diemeine Genesung herbeiführten? Ich schrieb ihr nichts darüber, vielleicht hat sie es nie erfahren.
Sie verdoppelte ihren Eifer in der Estaca, deren Weine wieder in Chicago und Paris prämiiert worden waren. – Trotz C.’s Freigebigkeit vermehrte sich die Weinmenge immer mehr und immer neue Reihen von Fässern mussten gekauft werden, um die stets zunehmende Ernte unterzubringen. Man wählte hiezu namentlich Fässer von gutem Jeres, welche durch das Aroma, das sie enthielten, dem neuen Wein, den man hineinthat, eine vorzügliche Blume verliehen. Mitunter verwendete man auch ganz neue Stücke, die man aber vorher mit gutem Wein abwusch. Man hatte auch ausserdemkleine Fässer, in welchen man alten, vorzüglichen Malvasier aufbewahrte, aus welchen man ihn für Kranke abzuzapfen pflegte. Jede Woche wenigstens erhielt ich einen Brief über den Fortschritt der Arbeiten. Die Adresse am Couvert war der Schräge nach geschrieben, mit ihrer runden Schrift, so dass ich sie gleich unter Haufen von Briefen erkannte. Es war stets einer der ersten, den ich öffnete; da stand immer gleich anfangs: „meine Gesundheit ist gut – a Dios gracias“. So ging es Jahre lang fort, andere Studien und andere Arbeiten hielten mich im östlichen Mittelmeer auf. In keinem Briefe fehlte der Satz: „Kommen Sie bald, kommen Sie zur schönen Estaca“ und so ward ihre Hoffnung vom Frühjahr auf den Herbst und vom Herbst auf das Frühjahr verlegt.
Jedes Jahr wurden von den fleischigen Calops Moscatells Penjois gemacht, d.h. Traubengehänge, die an einem windigen, kühlen Ort aufgehoben, sich bis gegen Weihnachten zu erhielten, da man in der Hoffnung lebte, ich würde sie noch geniessen – aber ein Kern nach dem andern fiel ab, Wochen vergingen, ja Monate, ohne dass C.’s Wunsch  befriedigt worden wäre. Doch dies entmutigte sie nicht und jedes Jahr wiederholte sie das nämliche, in der gleichen Hoffnung, die aber leider unerfüllt blieb. Wenn im Frühjahr die Trauben die ersten Blätter setzten, war dies für C. ein Fest. Die frühzeitigsten waren die runden rosigen Muscattrauben, welche den köstlichen Muscatwein liefern, aus den wärmeren, sonnigeren Lagen, namentlich der Punta Seca. C. schickte mir immer die ersten Blätter und ich sandte ihr immer die ersten Weinblätter aus dem Orte, wo ich mich aufhielt, zurück. Und so konnte sie mit dem Unterschiede der Zeit, den die Briefe brauchten, einen Vergleich anstellen – es war ein Gruss des Frühjahrs.
Die Pfirsiche werden ohne Bewässerung in der Estaca reif und bekommen dadurch ein besonderes Aroma. C. verstand sie einzulegen und in Menge bereitete sie Tiegel aus Blech, für welche sie auch bei Ausstellungen prämiirt wurde, die sie bei ihrem guten Herzen meistens als Geschenke an Kranke oder Re convalescenten verwendete. Jedes Jahr bewahrte sie aber auch einen Theil für mich auf, in der Hoffnung ich würde kommen; die behielt sie bis zum Spätsommer, wo die neuen bereitet wurden, welche an die Reihe der alten kamen und die Hoffung zog sich durch das neue Jahr hindurch.
Wenigstens zur Weinlese, die sich in manchen Jahren so üppig gestaltete, hätte sie mein Wiederkommen gewünscht. „Kommen Sie wenigstens auf einige Tage,“ schrieb sie mir. Der alte Don Francisco de los Hereros, der während meiner Abwesenheit alles leitete, war Todes abgegangen und so viele andere auch. Meine Gegenwart schien ihr besonders nothwendig, aber ich wollte meine Arbeit vollenden. Endlich war sie fertig, die Briefe C.’s wurden häufiger, der Wusch, dass ich bald komme, wiederholte sich immer – sechs lange Jahre waren schon verstrichen. Ich sehnte mich wieder nach der sonnigen Estaca, nach den schattigen Waldungen Miramars. Aber es galt Ithaka zu vollenden und ich zog nach Ramleh, um diese Arbeit in einem milderen Klima abzuschliessen. Endlich war auch Ithaka fertig, es waren nur noch einige Seiten zu sichten. Sieh da! Ich erhalte einen Brief ähnlich in der Schrift, aber nicht von C.’s Hand. Frostesschauer überliefen mich, als ich wahrgenommen hatte, der Brief wäre von ihrem Bruder Miquel und in ihrem Auftrage geschrieben, weil sie infolge Influenza leicht unwohl sei – es war das erstemal, dass dies geschah. Ich telegraphirte. Die Antwort lautete: „Es ist mir besser; aber noch bettlägerig.“ Mit Unruhe erwartete ich jeden Tag einen Brief von ihrer Hand, der mir ihre Genesung verkündigte; endlich erhielt ich am 11. April drei von ihrem Bruder auf einmal. Ich machte den ersten auf, worin man mir die Schwere des Falles mittheilte; man hatte sie angeblich verschwiegen, um mich nicht zu allarmiren; der Brief fiel mir aus der Hand, es war wohl kaum mehr Hoffnung vorhanden.
Der Wind wehte kalt von Nordost; unheimlich bogen sich die Kronen der Palmen und die Wogen am fernen Strand brandeten im traurigen Rhythmus. Meine Zelle schien mir unerträglich. Ich sah sie, die gute C. in die schwarze Mantille gehüllt, das Kreuz auf der Brust, die Züge erstarrt; alles so lebhaft, wie wenn ich dort gewesen wäre, und es war die Wahrheit. Am andern Morgen, nach zwölf Stunden unerträglichen Schmerzes, erhielt ich die Schreckenskunde. Um 1 Uhr nachmittags war sie aus dem Leben geschieden; ihr Freund, der Einsiedler, war ihr tröstend zur Seite gestanden. C.’s Traum vom Himmel hatte sich verwirklicht. Sie fand im Tode das Leben, aber ich war zerknirscht. In der Aufregung des Schmerzes schrieb ich diese Blätter, die ich mit den Worten schliesse, dass ein gleich gutes Herz wie das C.’s auf Erden bestehen mag, ein besseres aber nicht.

In der stillen Capelle der Estaca, wo C. so viele Jahre gebetet hatte, steht an der Wand eine Marmorplatte, auf welcher man liest:


A la inolvidable memoria de
Catalina Homar
Que por tantos años fue el alma de esta casa
Luis salvador puse
Rogando a los que vienen que rezen por ella.

Dem unvergesslichen Andenken an
Catalina Homar
welche so viele Jahre hindurch die Seele
dieses Hauses war
von Ludwig Salvator errichtet
mit der Bitte an jene, die kommen, dass
Sie für sie beten.

Und auch du, oh Leser! Bevor Du diese Seiten weglegst, bete für sie.

 

 

 

Catalina Homar