Aus der Biographie von Leo Woerl mit Originalzitaten aus Salvators Werk:

Häufig habe ich mir die Frage vorgelegt", schreibt Erzherzog Ludwig Salvator, "welche Stelle der östlichen Küste des Adriatischen Meeres geeigneter wäre zum Sommeraufenthalt? - - Wenn ich jedoch alles erwogen und in Betracht gezogen hatte, schien mir keine Stelle so angemessen wie jene zwischen Sabbioncello und Ragusa gelegene Küstenstrecke mit dem reizenden Kanal von Calamotta.
Nirgends an der ganzen Küste findet sich Schönheit der Aussicht mit der durch reichlich vorhandenes Quellwasser begünstigten Fülle und Üppigkeit der Vegetation so gepaart wie hier. Die Lorbeerdickichte daselbst haben an der Küste der Adria nur in dem schattigen Abbazia ihresgleichen, aber sie übertreffen die letzteren an verschwenderischer Üppigkeit der stämmigen Bäume. Auch der Gegensatz trägt vielleicht noch dazu bei, die Wirkung dieses köstlichen Platzes zu erhöhen. Die vielen kahlen Rücken, an welche das Auge an den nördlicheren Küsten Dalmatiens gewöhnt war, sind hier durch üppige Gefilde ersetzt. Ölbaumpflanzungen, Weingelände und Strandkiefernwäldchen wetteifern miteinander, die schön geformten Höhen zu bekleiden, und Festlandsküste sowie Inselwelt, alles lacht im festlichen Schmucke frischer Vegetation.

Am Fusse der Höhen dehnt sich eine sanfte Lehne aus, welche, mit Ölbäumen und Weingeländen besetzt, die Gegend von Cannosa bildet und dann jäh gegen das Meer abstürzt. Namentlich an einem warmen Sommertage muss man den steilen Weg ersteigen, der vom Meere auf gepflasterten Serpentinen zu dieser kleinen Ortschaft hinaufführt, um den ganzen Zauber dieser labenden Kühle, dieser frischen Quellenwelt und dieses wohlthuenden Schattens zu geniessen. Die Mittagsbrise spielt in dem lichtgrünen Laub oder in dem dunklen Grün alter Cypressen, gesättigt mit allerhand Gerüchen von Blumen und Harz. Insekten summen in der Luft und gegen den blauen Himmel flattern goldige Schmetterlinge. Die Natur scheint ein fest zu feiern, ein Fest der Liebe. - -" Nebst den Naturschönheiten trägt die Freundlichkeit der angestammten Besitzer nicht wenig dazu bei, den Aufenthalt in Cannosa anziehend zu machen.

Cannosa gehört schon seit Ende des 14. Jahrhunderts der Patrizierfamilie der Gozza, der ältesten der Republik Ragusa. Ergreifend ist die Schilderung von dem Aufenthalt eines vielverehrten und vielbetrauerten Sprossen des Hauses Habsburg, des Erzherzogs Max (Kaisers in Mexiko) in Cannosa.

Den Hauptanziehungspunkt Cannosas bilden die Riesenplatanen, welche die künstlerische Hand des Erzherzogs in musterhaften Abbildungen vorführt. Sie wurden zu Anfang des 15. Jahrhunderts von einem Bauer der bis heutzutage bestehenden Familie Miljas gesetzt, der sie als junge Pflänzchen aus Konstantinopel mitgebracht hatte.

In der Nähe der Kirche breitet sich eine Terrasse aus mit gemauerten Bänken, auf deren Böschungswand sich der Epheu rankt und wilde Rosen üppige Büsche zwischen alten Ruheplatten bilden. Von hier aus kann man am besten die ganze Umgebung übersehen. Daneben befindet sich ein Weinberg, dann einige Cypressen, Ölbäume, Platanen und Eichen und dahinter die grünenden Kronen der Riesenplatanen. Nur der kahle Berg des Veliko Sto ragt mit felsiger grauer Kante über die Oase, sonst ist alles grün. Vom Veliki Sto ziehen sich die Ölbaumlehnen sanft herab und bilden die mit hohen Cypressen bewachsene Erhöhung von San Michele, in dessen Nähe die Strasse führt. Das Auge schweift über den Kanal gegen Sabbioncello, den die Höhen von San Michele abschliessen, und über die verschiedenen Inseln, gerade dort wo sich die breite Bocca die Mezzo nach der gleichnamigen Insel und Calamotto und Giuppana auf beiden Seiten in gleicher Entfernung ausbreiten, und über das grenzenlose blaue Meer. Im Mittelgrunde der schwelgerische Garten Gozze, ein Meer von Grün in allen Nüancen, wo ein Baum mit dem andern an strotzender Üppigkeit wetteifert. Dunkle Cypressen, tiefgrüne Lorbeeren, lichte pyramidale Pappeln, Weisspappeln, Oliven-, Feigen-, Granatäpfelbäume und Palmen, hin und wieder Eichen, von denen die eine, welche die Hauskapelle der Gozze beschattet, hoch mit weitausgebreiteter Krone emporragt.
Man könnte auf dieser Terrasse stundenlang sitzen, ohne sich an diesem Bilde frischer Vegetation satt zu sehen.

Viele Einwohner sind nach Amerika gewandert und haben etwas Geld und vor allem Kenntnis der Welt und eine grössere Kultur zurückgebracht; aber sie haben dabei den milden Charakter bewahrt, den sie in diesem Gartenland geerbt haben und der die Ursache ist, dass sie jeder, der sie kennen lernt, lieb gewinnt und gerne in ihrer Mitte weilt. Armut ist unter ihnen unbekannt; fast alle besitzen ein Stückchen Land, das sie sorgsam bebauen und dessen Ertrag bei ihrer Genügsamkeit zu ihrem Unterhalt reicht, während einzelne ihr Glück zur See versuchen.

Dort, wohin die Kultur nicht reicht und wo nicht der Ölbaum, die Rebe oder der Johannisbrotbaum die Terrassen besetzen, treten der Mastixstrauch, riesig grosse, stämmige Wacholder, manche Cultis australis, Rosmarin und der im ganzen Küstenland der Adria so häufig vorkommende Prunus Mahaleb zum Vorschein . . . . . und da, wo die Kante scharf gegen das Meer abfällt, krönt auch manche Agave die Felsenabhänge. Zuweilen erhebt sie ihre Riesenblüte, die dann dürr und morsch auf die Erde herabfällt, aber neue Samen dem Winde preisgiebt, während unzählige Schösslinge die schwindende blühende Pflanze ersetzen.
Aber horch! Die Wachteln lassen auf den Höhen ihren Lockruf erschallen, der immer näher tönt, man hört ihren raschen Schritt und da heben sie schon ihre Köpfchen empor und schauen unverwandt auf den stillen Beobachter. Auch die Eidechsen kriechen aus ihren Schlupfwinkeln hervor und huschen traulich durch die Felsenritzen, mit ihren lebhaften Äuglein umherspähend. Ja, der Freund der Natur kann sie nicht verscheuchen, sie erkennen ganz wohl, dass er kein Verfolger ist. Unten hüpft die muntere Welt der Delphine, oben kreisen zischen die Schwalben und die Gedanken fliegen zu den schattigen Hainen, deren Blumenduft die schon eintretende Landbrise herüberträgt. Und welch betäubender Duft ist dies von allen Blumensorten, gemischt mit dem würzigen Geruch der harzigen Cypressen und dem belebenden Hauch des Meeres!...

Lustig tanzen die Wellen in der Mittagsbrise. Es ist wie ein Aufjauchzen der Freude und jugendlicher sprudelnder Frische. Die Wogen scherzen und tollen, begegnen, kreuzen einander, hüpfen und springen.

Das Bild im Einzelnen und in seiner Gesamtheit gewährt den Eindruck, als würde man ein schillerndes Damastkleid von der Farbe des Lapislazuli mit leichten Silberfäden durchstickt erblicken. Die Segel der Barken sind geschwellt wie der Busen einer jungen Mutter und man verfolgt gern ihre Spur, wie sie ein Kap nach dem andern umstreichen und dann hinter einer Felsspitze verschwinden.

Das Meer stärkt, kräftigt und veredelt. Wie viele edle Gedanken hat das Meer nicht erweckt! Und selbst in seinen Gefahren liegt etwas Gutes, sie stählen den Charakter und bringen die Seele dem Schöpfer näher!

Die zartsinnige, poesievolle, ja schwärmerische Stimmung, welche das ganze Werkchen wie ein lieblicher Duft durchzieht, kommt am kräftigsten in den Schlussakkorden zum Ausdruck, wo der Erzherzog, von dem Zauber des Meeres hingerissen, eine Bootfahrt am späten Nachmittage schildert, wenn die Wogen schlummern, die Segelboote den Felsenufern entlang auf die glatte Flut wie hingegossen erscheinen und auf die abendlich wiederkehrende Landbrise harren.

Wer den Friedenstraum von Cannosa kennt - denn ein solcher ist in der That der idyllische Winkel zu nennen -, den zieht es unwiderstehlich dorthin.

 

 

Cannosa

Cannosa-Postkarte