Aus der Biografie von Leo Woerl mit Originalzitaten aus Salvators Werk:


Bereits vor 18 Jahren hatte der weitblickende fürstliche Reisende ein Werkchen über Bizerta und seine Zukunft veröffentlicht, in dem er auf die hohe Wichtigkeit dieses tunesischen Hafens infolge der natürlichen Vorzüge desselben hinwies und dem damals noch weltabgeschiedenen Bizerta unter gewissen Bedingungen eine wichtige Rolle im Aussenhandel Tunesiens prophezeite. Durch den Erzherzog aufmerksam gemacht, haben die Franzosen den Hafen von Bizerta zu einem Kriegshafen ersten Ranges gemacht. Nun verfällt allmählich die maurische Stadt von ehemals und die französische "Compagnie du Port de Bizerte" baut und parzelliert, schafft neue Einrichtungen, regt den Unternehmungsgeist an. Eine Zukunft will da erwachen, wo früher die tiefste orientalische Indolenz alles verkommen liess. Der scharfe Blick des Erzherzogs, dass Bizerta eine bedeutende Zukunft habe, ist Wirklichkeit geworden und mit einem Gefühl innerer Befriedigung ankerte derselbe 1896 neuerdings mit seiner Yacht in der Sebrabucht. Statt der bisher offenen, den Nord- und Ostwinden völlig preisgegebenen Rhede war ein geräumiger, idealer Hafen geschaffen, in dem nun Hunderte von Schiffen so geschützt wie in den Lagunen von Venedig ankern können.

Lebhaft beschäftigt mit der Besichtigung der neuen, grossartigen Bauten und angelockt von dem allmählich schwindenden Zauber der maurischen Stadt, verbrachte der Erzherzog daselbst längere Zeit und veröffentlichte die wissenschaftlich sehr beachtenswerte, mit vielen Federzeichnungen eigner Hand und einer vorzüglichen Karte versehene Monographie des seit 1881 von den Franzosen besetzten Hafens von Benzert, "als einen Tribut der Anerkennung für das Grosse und Nützliche, was daselbst von fremden und einheimischen Kräften durch den Weitblick und die Munificenz der Regierung, sowie durch kühnen Unternehmungsgeist geschaffen worden ist."

In seinem Buche über Benzert schreibt der Erzherzog:
Mir war jedes Land ein Bild und Benzert kommt mir stets vor wie ein Traum aus dem fernen Osten an den Ufern des Mittelmeeres; wie ein orientalisches Venedig, welches fesselt und bezaubert zugleich. Man muss es wohl gekannt haben mit seinen glatten Kanälen, in welchen die Felucken bei der Abendbrise in die dunkle Bläue hinaussegelten, wo sich des Nachts die Tausende von Lichtern der Kaffeehäuser, der Bazars und der geheimnisvollen vergitterten Häuser spiegelten, gleichsam ein Funkeln des Meeres. Es schien mir jedes Mal, als könnte ich den Becher der Wonne nie ausschlürfen; - Wochen vergingen mir in Benzert, aber sie waren mir zu kurz. Das Leben schlummert wie in Venedig in traumgleicher Stille dahin, es ist ein Platz wie geschaffen zum Genusse und doch, welche Wunder schuf nicht Venedig, und was kann nicht das Bizerta der Zukunft zur Geltung bringen! - - - Ja, es ist Venedig mit seinem Zauber, ohne den Reichtum der Architektur, aber mit der Poesie des Orients.

Es folgt die Schilderung des bunten Volksgemisches und der bunten Trachten, des lebhaften Treibens in den farbenprächtigen Bazaren, wo prächtige orientalische Waren aller Art neben heimischen Bodenprodukten ausgelegt sind; der alten Stadt mit ihren Bogengassen, ihrer zinnengekrönten Mauer, der Thore und Plätze, welche nebst reizenden Strand- und Hafenbildern durch die beigegebenen feinen Federzeichnungen wirkungsvoll vor Augen geführt werden. Eine schöne, mit Terebinthenbäumen bepflanzte Allee führt längs des innern Hafens nach der Anlage der zukünftigen Stadt:

In der ganzen Neustadt sind die Avenuen und Gassen nach einem Gesamtplane traciert, breit, so dass die Seebrise frei eindringen kann, gut macadamisiert und von Trottoirs eingefasst. . . . Mehrere eiserne Brunnen, aus denen man durch einfaches Drücken treffliches Trinkwasser erhält und die von der ergiebigen Wasserleitung gespeist werden, sind neulich in diesen Zukunftsstadtteil gesetzt worden. Mit einem Wort: es sind alle Massregeln getroffen worden, um aus der Neustadt eine so angenehme Stadt zu machen, wie die schönsten des nordafrikanischen Litorals. . . . Manche glauben, dass das milde Klima und die Schönheit des Landes aus Bizerta eine Rivalin der Winterstationen der Côte d'Azur machen werden. So ziemlich im Zentrum der zukünftigen Neustadt ist ein öffentlicher Garten. . . . Neben dem Garten steht das elegante Post- und Telegraphengebäude mit breiter, bequemer Halle, und das grosse, im Bau begriffene Schulgebäude für Knaben und Mädchen. . . . die öffentlichen Bauten stehen aber da, gleichsam wie Meilenzeiger der Zukunftsstadt. Zuerst das Tabakmonopol-Gebäude, dann ein schlichter Bahnhof, dem gegenüber grosse Magazine. Daneben ist der elegante, moderne Bau der Douane in maurischem Stile, mit einer Halle von drei Hufeisenbogen, und zwei Seitentrakten. Dem Landungsplatz der Dampfer gerade gegenüber steht das elegante Gasthaus Hôtel Métropole, gleichfalls in maurischem Stile, mit einer Bogenhalle. Von der Terrasse desselben hat man, da es das höchste Gebäude der Neustadt ist, eine herrliche Aussicht über die Mündung des Kanals. . . . Recht gut gelegen, unweit vom Pilotenposten, steht in schöner Lage am Anfang des Kanals das Residenzgebäude des französischen Kommissärs; ein eleganter luftiger, in modernem französischen Geschmacke errichteter Bau, von dem aus man das ganze Leben und Treiben des Hafens übersieht.

Über die dortigen Eingeborenen erzählt der Erzherzog:
Man muss mit den Arabern gelebt, mit ihnen sozusagen ein Volk gebildet haben, mit ihren Sitten bekannt sein, um den ganzen Zauber des orientalischen Wesens zu geniessen. Man muss wirklich den vornehmen Ernst, den Anstand der arabischen Bevölkerung bewundern, die einen grellen Gegensatz zu dem europäischen Mob bildet. Da giebt es keine Schar von Neugierigen, keine lästigen Zuschauer, und schaut einer der Vorübergehenden dann und wann einem bei der Arbeit zu, ist man verwundert über den Scharfsinn, das richtige Verständnis, die rasche Auffassungsgabe dieser begabten, vornehmen Rasse. Sie haben einen ausgeprägten Zug der Lernlust und eine grosse natürliche Intelligenz. Was dieses Volk mit Bildung zu leisten imstande wäre, das haben die Araber in Spanien und Sicilien bewiesen, nur dürfen sie nicht zu Knechten werden, sie brauchen eine freie Entwicklung.

Eine charakteristische Erscheinung in der Umgebung von Benzert und auch in der Stadt selbst bilden die zahlreichen Kamele, welche aus dem Innern kommen und, von ernsten Arabern geleitet, die verschiedenen Waren zur Stadt bringen. . . . Sie schreiten gravitätisch auf der Hauptstrasse dahin, die längs des Schienenweges führt. Seltsam kontrastiert mit dem Zuge dieser "Kinder der Wüste" der dahinbrausende Bahnzug, namentlich, wenn sich in das harmonische Tönen ihrer messingenen, häufig doppelten Glöckchen, deren klarer Silberklang den eintönigen Rhythmus ihres Schrittes begleitet, der schrille Pfiff der Lokomotive mengt.


Die Hauptanziehungskraft des jetzigen Benzert ist der neue herrliche Hafen, der am besten geschützte und grösste von Nordafrika, welcher einen Kostenaufwand von 6 Millionen Franc erforderte und von 1885 bis 1895 erbaut wurde. Es war kein kleiner Gedanke, im tiefen Wasser einen mächtigen Molo zu schaffen, der den gewaltigen, vom Golfe von Lyon sich herabwälzenden Wogen Trotz bieten sollte. Auch war zu einem solchen Baue nicht wenig Material notwendig. Man verfiel daher auf den Gedanken, ein ganzes Bergstück, Carrière de Aïn Roumi, abzubrechen und es auf einem Schienewege ans Meer zu bringen. Aus diesem wurden sowohl natürliche, als grösstenteils künstliche Blöcke geschaffen, und in dem Masse, als sich der Molo verlängerte, wurde auch der Schienenstrang weitergeführt. Als der Bau vollendet war, wurde der Schienenweg wieder beseitigt und am Abschlusse des Molo wurde im Jahre 1895 der Leuchtturm errichtet. Es ist ein 10 m hoher Turm mit gemauertem Sockel. Das Licht steht 14,5 m über dem Meere und ist 13 Meilen weit sichtbar. Eine leichtere Aufgabe war der Bau des andere, d.h. östlichen Molo, der vor den Nordost- und namentlich den Oststürmen durch Ras Jebib geschützt ist.

Da man die Blöcke ohnehin über das Wasser hätte transportieren müssen, legte man in dem inneren Becken, unweit der Barrage zur Linken, in dem sandsteinartigen Gestein einen vertikalen Steinbruch, Carrière du lac, an. Die Blöcke wurden mittels Karren zu Landungsbrücken geschafft und auf Chalands verladen und dann mittels Schleppern, wenn die See es gestattete, zu dem neu zu schaffenden Molo, der von dem Sandufer ausging, transportiert.

Da die Bedingungen für die Landwirtschaft, einschliesslich der Viehzucht, in der Umgebung von Benzert äusserst günstig erscheinen, so unterliess es der Erzherzog nicht, seinem lehrreichen Werke, einen ebenso reichhaltigen wie vom praktischen Gesichtspunkt ausgehenden Abschnitt "Winke für Ansiedler" beizufügen.


Die Gegend in und um Benzert ist sehr gesund. Es giebt daselbst keine Malaria und selbst solche, die daran leiden, genesen bei einem dortigen Aufenthalt in kurzer Zeit, doch müssen europäische Einwanderer vor Alkohol sowie vor der Sonne sich in acht nehmen. Der Sommer ist kühler als in Tunis, der Winter etwas kälter. Im März beginnt das Frühjahr, das bis Ende Mai oder Juni dauert; während des Sommers sind Nordost- und Ostwinde vorherrschend, wodurch die Hitze wesentlich gemildert wird.

Nach einer Schilderung der reizenden Umgebung von Benzert nimmt der Erzherzog ein zweites Mal von dem ihn so anheimelnden "afrikanischen Venedig" mit den Worten eines französischen Staatsmannes Abschied:

La Tunésie est la joyau de l'Afrique du Nord; elle possède und trésor inestimable: Le Port de Bizerte, le plus beau de la Mediterranée.

 

Benzert