Aus der Biografie Leo Woerls mit Originalzitaten aus dem Werk Salvators:

Gerade in der Mitte zwischen Cap de Gata an der spanischen und Cap de Tres Forcas an der marokkanischen Küste erhebt sich aus dem Meere das Felseneiland Alboran. In den beiden Vorgebirgen und der Insel erblickt man die abgebrochenen Überreste des ehemals zusammenhängenden Festlandes. Alboran liegt 44 Meilen im Süden vom Castillo de Guardia vieja und 31 Meilen von Cap de Tres Forcas. Die Insel ist von Melilla bloss 39 Meilen, von Malaga 84 Meilen, von Almeria 59 und von Adra 48 Meilen entfernt und kann unter günstigen Umständen auf eine Entfernung von 10 - 12 Meilen gesehen werden. Sie ist bei Tag durch den Leuchtturm, bei Nacht durch dessen Licht leicht erkenntlich. Im Osten von Alboran liegt die kleine Isla de la Nube. Hören wir, was Erzherzog Ludwig Salvator von ihr berichtet:

Vielleicht keine Insel des Mittelmeeres wird von so vielen gesehen und von so wenigen betreten, wie Alboran. In der Mitte der Weltstrasse von Gibraltar gelegen und so ziemlich in gleicher Breite, bleibt sie wohl den meisten Dampfern, die am Cap de Gata vorüberfahren, ausser Sicht, wird aber von zahlreichen Seglern und all den Dampfern, die von Gibraltar gegen Oran und umgekehrt fahren, wahrgenommen. Wie vielen Auswanderern mag sie das letzte Stück Europa gewesen sein, das sie sahen, bevor sie des Nachts durch die Calpe-Strasse in das dunkle Weltmeer hinausfuhren! Wie viel Seufzer mögen sich entrungen haben, wie viele Thränen vergossen worden sein in ihren Gewässern! Welche Augenblicke der Unsicherheit im letzten Entschliessen mag es hier gegeben haben, wenn, mühsam hinauslavierend, das Schiff, von dem Westwind und der Strömung zurückgedrängt, Gibraltar niemals näher zu kommen schien! Wie oft mag bei dem Anblick ihrer kahlen Uferwände die Erinnerung an das grünende heimatliche Thal lebendig geworden sein, wie eine aus dieser einsamen Erdscholle aufsteigende Vision! Wie oft aber mag auch andrerseits der Felsen widerhallt haben von dem Jubel der fröhlich heimkehrenden jungen Matrosen, die ihre erste transatlantische Fahrt zurückgelegt haben und sich wieder glücklich daheim wissen im geliebten Mittelmeere, in diesem Meere, auf dessen Wogen sie ihre Kinderjahre zugebracht, welches sie gewissermassen als ihre zweite Heimat betrachten! Reich an Erfahrung steuern sie freudig dem eignen Hafen zu, wo sie von den Eltern und Herzensfreunden erwartet werden. Ach, wie schön dünkt dann Alborans kahle Felsenscholle dem jungen Herzen, wie sanft fächelt die Brise das von der Tropensonne gebräunte Antlitz! So hängt der Eindruck, den ein Landschaftsbild auf uns macht mehr von den eignen Gefühlen ab, als von seiner wahren Gestalt, und so dünkt mir in der Gesellschaft von lieben Bekannten Alboran in der Bläue des sommerlichen Himmels und der Ruhe des Meeres wie ein Traum von Glück und Freude!

Der Leuchtturm, das einzige bewohnbare Gebäude Alborans, liegt auf dem höchsten, südlichsten Teil der Insel; er dient zugleich als Wohnung für die Turmwächter und deren Familien, im ganzen 11 Personen. Der Fischfang bildet, wie begreiflich, ein Hauptzerstreuungsmittel der Turmwächter. Manchmal mag ihnen das Leben einsam vorkommen, aber sie finden Freude an den sie umgebenden Lieben. Die Gewohnheit macht übrigens alles und es scheint ihren bescheidenen Bedürfnissen zu genügen, dass sie der Dampfer mit der übrigen Welt in Verbindung setzt. Das Schiff macht regelmässig zwei Fahrten in jedem Monat und versorgt die Insel mit Lebensmitteln.

In Sturmnächten kommen, von dem Lichte des Faro (Leuchtturms) angelockt, viele Zugvögel nach Alboran. Einige Wachteln ziehen in der entsprechenden Jahreszeit dort vorüber und lassen sich zuweilen nieder. Sonst sieht man nur einzelne Tinninkeln und zahlreiche Silbermöven, die in Menge dort sitzen und namentlich mit Vorliebe die Isla de la Nube aufsuchen. Die Sturmvögel, welche fast immer die Strasse von Gibraltar beleben, sind in den windgepeitschten Gewässern von Alboran stetige Gäste. Es ist ein wahres Vergnügen, sie zu beobachten. Wie sie fliegen! Bald flattern sie wie Falken mit ausgebreiteten Flügeln, bald ziehen sie wie die Schwalben. Mit den leicht ausgespreizten Füsschen berühren sie dann und wann, nach Beute haschend, die Wellen, um neue Kraft zum rastlosen Fluge zu gewinnen.

An ruhigen Frühjahrs- und Sommertagen erblickt man Cachalots und Balenopteren vorüberziehen; sie gehen gewöhnlich mehrere zusammen, zuweilen fünf oder sechs, und es ist ein schöner Anblick, die springbrunnenartig aufsteigende Wassersäule zu schauen. Aus der glatten Flut tauchen ihre dunklen Rücken auf, inmitten eines Schaumrandes, der sich infolge der Schnelligkeit bildet, mit welcher sie das Wasser durchschneiden. Namentlich sind aber die Capdollas (Delphinus globiceps) zahlreich; sie springen nicht wie die gewöhnlichen Delphine, sondern sie wälzen sich weich in der Flut wie in einem Bade, man sieht, dass sie sich darin wohl fühlen. Manchmal sieht man sie in ganzen Scharen beisammen und man begrüsst sie gern als vorüberziehende Gäste des Weltmeeres. Die Ufer von Alboran sind sehr fischreich. Das ganze Ufer der Insel ist wie geschaffen zur Beherbergung von allerhand Seetieren. Man sieht grosse Krabben, die aus den Felsenritzen hervorlugen und Riesennapfschnecken, die sich seit Jahrzehnten an den Felsen anschmiegen, Trochus und Tritons in Menge. Und was soll ich sagen von der Wunderwelt der Aktinien, der Seeigel und Seesterne, die jene Gewässer beleben!

 

Alboran